Stefanie Ball
Joghurt war schon immer gesund. Doch dann kam vor mehr als zehn Jahren die probiotische Variante auf den Markt - und Joghurt essen wurde (vermeintlich) noch gesünder. In solchen Joghurts stecken besondere Bakterien. Die Keime stammen ursprünglich aus dem menschlichen Darm und sollen sich dort auch wieder ansiedeln, um seine Flora zu verbessern. Da sich im Darm ein Großteil unseres Immunsystems befindet, würden die Bakterien die Abwehrkräfte stärken - argumentieren zumindest die Hersteller.
Probiotische Joghurts waren laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung (DGE) die Wegbereiter für Lebensmittel mit Gesundheitseffekt. Bei diesem sogenannten Functional Food werden Lebensmittel mit zusätzlichen Inhaltsstoffen angereichert, die gesundheitsfördernd wirken (sollen). Während in Japan solche Nahrungsmittel streng definiert sind, gibt es in allen anderen Ländern keine klaren Vorschriften für Functional Food.
Die ersten Produkte wurden im Jahr 1996 angeboten. Später folgten Präbiotika (Müsli, Brotaufstrich oder Fertigdesserts, denen bestimmte Ballaststoffe zugesetzt werden) sowie mit antioxidativen Vitaminen angereicherte Erfrischungsgetränke (ACE-Säfte). Omega-3-Brot und Omega-3-Eier kamen 1998 erstmals auf den Markt.
Ein weiterer bedeutender Schritt war die Zulassung einer mit Pflanzensterolen angereicherten Margarine im Jahr 2000. Pflanzensterole (auch Phytosterole genannt) sind natürliche Inhaltsstoffe in Pflanzenölen, Nüssen, Saaten, Getreide, Obst und Gemüse, die helfen können, den Cholesterinwert zu senken. Auch der Grüne Tee muss längst nicht mehr pur getrunken werden, sondern findet sich als Kräuterauszug in diversen Getränken; zuletzt entdeckte Coca Cola die verkaufsfördernde Wirkung und erfand die "Coca Cola light Plus Green Tea".
Ein anderer Trend ist die Wiederentdeckung von zum Teil jahrhundertealten Lebensmitteln, die zeitweilig in Vergessenheit geraten waren. Dazu zählt zum Beispiel die Pastinake. Die fleischige Wurzel, auch Moorwurzel, Hammel- oder Hirschmöhre genannt, zählte bis Mitte des 18. Jahrhunderts zu den wichtigsten Grundnahrungsmitteln in Deutschland. Dann verdrängten Kartoffel und Karotte sie von ihrer Spitzenposition. Die Pastinake ist schwer anzubauen, von der Saat bis zur Ernte vergeht mehr als ein halbes Jahr - weshalb die Agroindustrie auch ihre Finger von ihr ließ. Bis mit dem Bio-Boom die Pastinake ein Comeback feierte. So wie die Rauke - besser bekannt unter ihrem italienischen Namen Rucola. Die Rauke war schon im Altertum von den Römern genutzt worden und im Mittelalter auch in weiten Teilen Europas bekannt. Doch erst, als die mediterrane Küche en vogue wurde, gelangte das Kraut auf deutsche Teller zurück.
Relativ neu auf dem Markt ist Amarant. Es zählt zu den ältesten Nutzpflanzen der Menschheit. Genutzt werden vor allem die Samen der an Hirse erinnernden Körner. Bereits bei den Azteken, Inka und Maya waren die getreideähnlichen Körner neben Mais ein Hauptnahrungsmittel. Der Vorteil dieses sogenannten Pseudogetreides - es sieht wie Getreide aus und seine Samen werden auch so verwendet, aber es ist kein Getreide: Es ist glutenfrei. Dies macht es zu einem vollwertigen und verträglichen Getreideersatz bei der weit verbreiteten Glutenunverträglichkeit (Zöliakie). Außerdem ist es reich an Eiweiß und Mineralstoffen. Die Nahrungsmittelindustrie verwendet Amarant heute in der Baby- und Kindernahrung, als Zumischung in Brot, Gebäck, Müsli und Pasta.
Während letzteres nur Alternativen zu herkömmlichen Nahrungsmitteln darstellt, sieht die Deutsche Gesellschaft für Ernährung funktionelle Lebensmittel kritisch: Functional Food sei grundsätzlich keine Garantie für eine bedarfsgerechte und ausgewogene Ernährung. Ernährungsfehler ließen sich auch durch den Verzehr von funktionellen Lebensmitteln nicht beseitigen - zumal noch nicht genügend wissenschaftliche Daten über die Wirkungen vorliegen. Die Käufer hält das indes nicht ab: Laut Marktforschungsinstitut AC Nielsen ist Deutschland mit 5,1 Milliarden Euro Umsatz der größte Markt für Functional-Food-Produkte in Europa. Das Wachstumspotenzial wird auf 20 Prozent pro Jahr geschätzt.
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