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Donnerstag, 24.05.2012

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Serie: Diskuswerfer befürchtet, dass er um den Lohn für seine ehrliche Arbeit gebracht wird / Kritik am Deutschen Leichtathletik-Verband für WM-Kampagne:

Christian Rotter

Berlin. Deutschland - Werferland. Bei der Leichtathletik-WM in Berlin (15. bis 23. August) ruhen die deutschen Titelhoffnungen vor allem auf Hochspringerin Ariane Friedrich, "Hammer-Queen" Betty Heidler - und Robert Harting. Das Diskus-Ass äußert sich im Interview zu seinen Chancen und zum "aussichtslosen" Anti-Doping-Kampf. Gleichzeitig kritisiert er den Deutschen Leichtathletik-Verband für dessen Strategie bei der WM-Werbung.

Herr Harting, als Sie bei der WM 2007 in Osaka Silber gewannen, haben Sie vor Freude Ihr Deutschland-Trikot zerrissen. Wie werden Sie jubeln, wenn auch in Berlin eine Medaille herausspringt?

Robert Harting: Ach, so einen Jubel wie in Osaka erwartet man doch von mir. Wenn ich bei der Heim-WM wieder eine Medaille hole, reißen meine Freunde bestimmt vor Freude die Sitzplätze im Stadion aus der Verankerung. Ich selbst versuche, niemanden beim Jubel zu verletzen.

Vor zwei Jahren gab es Silber, welche Farbe soll die Medaille jetzt haben?

Harting: Eigentlich gefällt mir mein Spitzname "Silberrücken" ganz gut. Es gibt Schlechteres, als mit dem Alpha-Männchen einer Gorilla-Familie verglichen zu werden. Ich hätte gegen den Vize-Titel nichts einzuwenden, aber einem Anführer steht die Farbe Gold auch nicht schlecht.

Jeder spricht von der Heim-WM. Sie starten für den SCC Berlin, sind Sie besonders motiviert?

Harting: Ich habe einfach Bock auf die WM und will richtig Gas geben. Eigentlich könnte ich aus meiner Wohnung ins Olympiastadion fahren. Aber ich muss raus aus meinem gewohnten Umfeld, damit ich mich besser konzentrieren kann und mich zu nichts verleiten lasse. In meine Badewanne zu Hause passe ich sowieso nicht mehr rein.

Wie beurteilen Sie Ihre Chancen?

Harting: Wenn ich keinen großen Mist mache, kann mir nicht viel passieren, dann bin ich vorn dabei. Es liegt an mir. Das Problem ist, dass vier Mann 70 Meter weit werfen können. Es werden Nuancen entscheiden. Im Heimstadion zu starten, wird ein riesengroßer Nervenkitzel, auf den ich mich sehr freue.

Die Generalprobe bei der DLV-Gala am Wochenende ist mit der neuen deutschen Jahresbestleistung von 68,10 m geglückt - wie sieht die weitere Vorbereitung aus?

Harting: Es beginnt jetzt das Formtraining. Ich hoffe, dass ich noch den einen oder anderen Meter heraushole. Ich bin zurzeit absolut leistungsgeil und kann es kaum erwarten, jeden Tag ins Training zu gehen. Mein Antrieb ist es, einfach mal so richtig zufrieden mit mir zu sein.

Sie haben Ihre eigene Homepage www.derharting.de zur "dopingfreien" Zone erklärt - wie wichtig ist Ihnen der offene Umgang mit diesem heiklen Thema?

Harting: Dieses Thema liegt mir sehr am Herzen. Sport und Doping gehören leider so zusammen wie Henne und Ei. Wenn gedopt wird, stellt das den Sport in den Hintergrund - und zwar zurecht. Man darf zwar keinen Generalverdacht aussprechen. Aber das Problem ist, dass Sportler wie ich, die einen Riesenverschleiß am eigenen Körper erzeugen, weil sie nicht dopen, um den Lohn für ihre ehrliche Arbeit gebracht werden.

Verzweifeln Sie manchmal?

Harting: Wo Geld ist, wird gedopt. Eigentlich ist es sinnlos, gegen diese Tatsache anzukämpfen. In der Formel 1 wird auch getunt, um die Boliden weiterzuentwickeln und die Zeiten zu verbessern - und dort ist das erlaubt. Manchmal frage ich mich, ob es nicht besser wäre, Doping in irgendeiner Form zu erlauben, so knallhart sich das auch anhören mag. Dann würde sich zumindest niemand mehr darüber aufregen.

Weitspringer Bayer und Speerwerferin Obergföll haben sich über mangelnde Werbung für die WM beklagt. Wie stehen Sie dazu?

Harting: Als die Aktion mit den "WM-Gesichtern" startete, habe ich sie befürwortet, aber gleich gesagt: Nehmt sieben Sportler! Man hat dann 17 ausgewählt, was viel zu viel ist. Weniger Athleten hätten eine größere Identifikation nach sich gezogen. Es war wie immer beim DLV: Der Verband hat sich vor einer unbequemen Entscheidung gedrückt, um keinen Ärger zu bekommen. Was die Entscheidungen der Obersten angeht, ist der DLV eben sehr träge.

Wie sehr ärgert Sie das?

Harting: Es geht immer nur darum, das blöde Stadion voll zu kriegen. Ich finde das beschämend. Dass die Veranstalter ihr Ziel nicht erreichen werden, liegt vielmehr daran, dass die Leichtathletik fast aus dem Fernsehen verschwunden ist.

© Mannheimer Morgen, Dienstag, 04.08.2009

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