Waltraud Kirsch-Mayer
"Ein geringes Maß an Schlaflosigkeit ist nicht ohne Nutzen dafür, den Schlaf richtig schätzen zu lernen", notierte einst Marcel Proust in seiner Suche nach der verlorenen Zeit. Die meisten Menschen, die sich ruhelos im Bett wälzen, dürften freilich unerwünschtes Wachen als verlorene wie gesundheitsschädliche Zeit empfinden. Zu dem Phänomen, das einst der Dramatiker Hebbel als "Hineinkriechen des Menschen in sich selbst" bezeichnete, befragten wir den Traum- und Schlafforscher Dr. Michael Schredl vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI).
Ein knappes Drittel unseres Lebens verschlafen wir - und tanken dabei Energie. Wie viel Schlummer nötig ist, hängt vom Alter und dem individuellen Bedürfnis ab. "Zwischen fünf und neun Stunden gilt als Normbereich - die meisten Menschen brauchen um die siebeneinhalb Stunden Schlaf", erläutert Schredl. Und wie merkt man, ob sechs Stunden Nachtruhe tatsächlich ausreichen? Wer sich morgens ausgeschlafen und tagsüber leistungsfähig fühlt, müsse sich keine Sorgen machen, beruhigt der Experte. Allerdings haben Wissenschaftler herausgefunden, dass heutzutage viele Menschen zu wenig schlafen - weil sie ins Bett gehen, wann sie wollen, aber aufstehen, wenn sie müssen. Unsere Vorfahren hatten eine längere Nachtruhe, obwohl sie meist mit den Hühnern aufstanden. Grund: Die Dunkelheit trieb sie mangels elektrischen Lichts zu früher Stunde unter die Federn oder den Strohsack. Rund 15 Prozent der Deutschen haben Kummer mit dem Schlummer. Häufig sind Stress beziehungsweise emotionale Belastungen an Schlafstörungen schuld. Es gibt aber auch organische Faktoren - und die sollten unbedingt abgeklärt werden. Schredl nennt Schnarchen, Atemregulationsstörungen und die neurologische Erkrankung der "ruhelosen Beine" als mögliche Ursachen.
Nützt eigentlich Schäfchenzählen? Nur wenn es der Entspannung dient, meint der Experte. Sich angenehme Gedanken machen, positive Bilder, beispielsweise von einem schönen Urlaub vorstellen und diese einem Fluss gleich an sich vorbeiziehen lassen, hält er für effektiver. Und manchmal mache es auch Sinn, vorübergehend die Bettzeit zu verkürzen, um den Schlafdruck zu erhöhen. Übrigens sind zwei bis drei nächtliche Wachphasen "völlig normal" - wenn nach einigen Minuten die Augen wieder zufallen.
So tief wir auch schlummern mögen - das Hirn schläft nie. "Unsere biologische Maschine ist immer aktiv, und das Bewusstsein dient als Instrument des Erlebens - nur können wir uns am nächsten Morgen an das meiste nicht erinnern", erläutert der ZI-Forscher. Von wegen Träume sind Schäume, wie der Volksmund sagt. Das nächtliche Kopfkino nutzt realistische Erfahrungen, um sie kühn zu verknüpfen - so dass kreative Ideen reifen können. Denken wir an den berühmten Chemiker Kekule, der von einer Schlange träumte, die sich in den Schwanz biss. Dieses Bild soll den Forscher zu der revolutionierenden Überlegung inspiriert haben, dass die Strukturformel von Benzol ringförmig ist.
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