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Donnerstag, 24.05.2012

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Kulturpolitik: Ergänzende Überlegungen zu unserer Serie Kulturpotenziale 2020 von Mannheims Stadtarchiv-Leiter Ullrich Nieß

Auf dem Weg zum Labor der Zukunft

Von unserem Gastautor Ulrich Nieß

Was eine europäische Kulturhauptstadt für eine Stadt, eine Region und ihre Gesellschaft bewirken kann, zeigen uns aktuell Essen und das Ruhrgebiet. Mit ihrem Motto "Kultur durch Wandel - Wandel durch Kultur" signalisiert die Region, worauf sie vertraut. Einst von Kohle und Stahl geprägt, soll die Kultur Antworten auf gesellschaftliche Veränderung geben und neue Wege aufzeigen. Die bisherige Zwischenbilanz imponiert ungemein: Mäzene engagieren sich, Hotels sind ausgebucht, die Besucherzahlen weit höher als erwartet. Absolute Megaevents wie die Sperrung eines Autobahnabschnitts für das Projekt "Still-Leben " machen Schlagzeilen.

Essen beweist einmal mehr, welche Potenziale breitgefächerte Kulturprogramme entfalten können. In unserer Stadtgeschichte finden sich ähnliche Beispiele: Als 1688 Mannheim völlig zerstört und ab 1697 mühsam wieder aufgebaut wurde, gab die Stadt bereits zehn Jahre später ein großes Fest. Sie feierte, damals noch völlig unüblich, groß ihre 100-Jahrfeier. Die ganze Bürgerschaft war am 24. Januar 1707, dem Tag der Stadtprivilegien, auf den Beinen. Brot wurde verteilt, aus einem Brunnen sprudelte Rot- und Weißwein. Ein großes Feuerwerk bildete den abendlichen Abschluss bei glanzvoll erleuchteten Häusern.

Es war eine geniale Marketingstrategie, mit der die Stadt auf sich aufmerksam machte, Neubürger anlockte, um die verwaisten Bauplätze zu füllen. 1713 bereits war der Wiederaufbau erreicht, die Bevölkerungszahl fast so hoch wie vor dem Krieg. Nur sieben Jahre später wurde Mannheim zur pfälzischen Residenz und damit zum Kulturzentrum erhoben. Als der Kurfürst 1778 ging, blieben die meisten Adligen und Kulturschaffenden gleichwohl da, weil nun das neue Nationaltheater kulturellen Glanz verströmte und die Aufgabe versah, "fremdes Geld in die Stadt zu bringen". Auf der Bühne wurden die Grenzen neuer Freiheit artikuliert: Kultur als Standortfaktor wie Motor gesellschaftlichen Wandels.

Über vier Millionen Besucher

Ein ähnlicher Coup glückte der Stadt in der Epoche der Industrialisierung. Mutig hatte sie unter ihrem großen Oberbürgermeister Otto Beck einen Industriehafen und zugleich 1907 mit dem Stadtjubiläum eine fast ganzjährige Kulturveranstaltung gestemmt. Dieses Jubiläum stand erneut im Zeichen der weiteren Stadtbebauung. Unterirdische Versorgungsleitungen wurden etwa entlang der späteren Augustaanlage gelegt. Dort befand sich der große Vergnügungspark, der nach dem Kulturfest der Oststadt weichen sollte. Am Ende stand nicht nur ein finanzieller Gewinn. Weit über vier Millionen Besucher wurden gezählt. Mannheim hatte sich als urbane Kulturstadt präsentiert und die eigene Einwohnerschaft in einem bis dahin unbekannten Maß aktiv an den Feierlichkeiten zu beteiligen verstanden.

Was heißt das aktuell? Die Idee einer Bewerbung ist eine großartige Möglichkeit, Stadt und Region in ihrem Wandel und ihrer Vielgestaltigkeit voranzubringen. Und dabei wird es ganz entscheidend darauf ankommen, dass wir den fraglos vorhandenen Bürgerstolz einbinden, um die europäische Dimension der Stadt, ihr Geflecht im Europa der Regionen aufzuzeigen. Wir tun gut daran, auch aus der eigenen Historie Leitlinien zu entwickeln, um uns als kulturelles wie soziales Labor der Zukunft zu präsentieren. Zukunft liegt immer auch im Wissen um die eigene Vergangenheit, die ebenso nachdenklich, ebenso witzig, ebenso sinnlich wie aufregend reflektiert werden kann - vor allem aber auch und gerade an ihren Bruchstellen. Das ewige Kommen und Gehen sind dieser Region und dieser Stadt so ganz eigen; denken wir nur an Mozart oder Schiller. Erzeugen wir daher ein Nachdenken über die Brüche und dauerhaften Gefährdungen, die Zukunft immer auch umschließt. Die Hugenotten wurden vom französischen Sonnenkönig vertrieben, unsere jüdischen Mitbürger der Barbarei der Nazis wehrlos ausgeliefert.

Für 2020 brauchen wir die Vielgestaltigkeit der Vereine, der Bürgerschaft und deren Engagement wie 1707 oder 1907. Haben wir den Mut, auch eher niederschwellig anmutende Mitmachaktionen im öffentlichen Raum ausdrücklich zu bejahen. Aber wer Begeisterung für 2020 erzeugen will, der sollte nicht zu lange warten.

© Mannheimer Morgen, Freitag, 29.10.2010

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