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Grüße nur auf der Vorderseite

Seine älteste Postkarte stammt aus dem Jahr 1899 und zeigt eine malerische Ansicht von Bürstadt: Der Blick aufs Viadukt, über das die Bahn tuckert, die Gaststätte Winkler und den Bahnhof. Letzterer gehört neben dem (heute historischen) Rathaus und der katholischen Kirche St. Michael zu den schönsten Sehenswürdigkeiten und ziert viele Bürstädter Stadtansichten.

Davon hat Bruno Gündling einen ganzen Ordner voll. Ständig kommen weitere solcher historischer Karten dazu, die der Leiter des Heimatmuseums im Internet, bei Nachlassverkäufen oder bei Auktionen findet. Mit sehr viel Geduld und Aufwand, versteht sich.

Schätze vom Dachboden

Wenn es mit der Region und vor allem mit Bürstadt zu tun hat, dann ist Gündling sofort Feuer und Flamme. Der Heimatforscher vermutet zahlreiche solcher Erinnerungsstücke auf hiesigen Dachböden oder in Kellern. "Ich darf gar nicht daran denken, dass das oft weggeworfen wird!" Für ihn sind das Schätze, die von der Stadtgeschichte erzählen.

Bruno Gündling und Theo Held schwimmen auf einer Wellenlänge. Beim Betrachten der alten Karten kommen die beiden Heimatforscher sofort ins Erzählen. Im "Restaurant Winkler", das in Pastellfarben dargestellt ist, habe sich einst der Turnverein gegründet, so Held. "Das Haus steht heute noch. Früher war dort der Schlecker, heute ist es eine Shisha-Bar", so Gündling. "Das nannte sich damals Speisegaststätte mit gehobener Küche. Es war das erste Lokal in der Stadt", fügt Held hinzu.

"Hilfsstation für Radfahrer" steht auf der Karte noch, weil dort die Drahtesel repariert wurden, erinnert sich Held. Das "Restaurant Winkler" war jahrelang sein Stammlokal. Im Nebenraum, dem sogenannten "Casino" trafen sich jede Woche verschiedene Vereine, etwa der Odenwaldverein oder der Gesangverein Harmonie. Held erinnert sich auch an eine weniger schöne Geschichte.

"Nach dem Krieg verkehrten dort die Amerikaner. Und sie nahmen alle Pokale der Harmonie mit - auch den größten Preis, das goldene Schild von 1928." Einen öffentlichen Brief hat Held damals in die USA geschickt und die Rückgabe verlangt. Aber es sei nie etwas zurückgekommen.

Auch zum Viadukt, das auf der Karte zu sehen ist, haben beide viel zu erzählen. "Herrnstraße" hieß sie damals, später Ernst-Ludwig- und heute Nibelungenstraße. "Als der Damm für den Zug 1877 gebaut wurde, sollte ein Haus abgerissen werden, um Platz zu schaffen", erzählt Theo Held.

Die Geschichte kennt er noch von seinem Großvater: "Der Eigentümer wollte aber nicht ausziehen. Erst als bei den Bauarbeiten der Sand in sein Fenster rieselte, hat er die Flucht ergriffen." Die Bahn verkehrte dann ab 1879 erhöht von Frankfurt nach Mannheim. Die Nibelungenbahn fuhr bereits ab 1869 zwischen Bensheim und Rosengarten unter der Brücke am Bahnhof durch. "Bis Worms konnte der Zug nicht fahren, weil es die Eisenbahnbrücke noch nicht gab. Die Leute setzten mit der Fähre über", erzählt Held.

"Spezzekammer" im Rathaus

Auf anderen Karten ist immer wieder das Rathaus zu sehen. "Eine Treppe führte damals zum Eingang oben - wo jetzt der Balkon ist", berichtet Bruno Gündling. "Unten war damals das Gefängnis. Die Spezzekammer", sagt Gündling und lacht. Warum das so hieß? Held erklärt, die "Spezze", das seien die Speisen gewesen, also Würste, die in einer kühlen Kammer aufgehängt wurden. "Und wenn die Kinder nicht brav waren, hieß es, sie kommen in die Spezzekammer."

Und noch etwas - aus heutiger Sicht - sehr Kurioses hat Theo Held zu berichten: Die Postkarten durften früher nur auf der Vorderseite, wo die schönen Bilder prangen, beschriftet werden. Auf der Rückseite sollte lediglich die Adresse stehen. Deshalb ist auf vielen Karten vorne etwas Platz. Auf einer Karte sendet "Luise" nur herzliche Grüße aus Bürstadt - denn Platz für mehr Text gab es ja nicht. cos/sm

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