Lorsch

Lorscher Leseschwarm Initiatoren tragen zum Auftakt Gedichte im Museumszentrum vor

Ausschließlich jüdisch

Archivartikel

Lorsch.In den Genuss gesprochener Lyrik kamen im Lorscher Museumszentrum etwa 50 Besucher: Die erste Ausgabe des Leseschwarms in diesem Jahr fand in den Räumen der Ausstellung "Legalisierter Raub" statt, die sich mit der Ausplünderung der Juden in Hessen im Dritten Reich befasst und noch bis zum 14. Mai dort zu sehen ist. Auch thematisch stand die Lesung der Ausstellung nah.

"Deutsch ist eine jüdische Sprache" ist ein Zitat der Germanistin und Schriftstellerin Ruth Klüger. Als Motto der Auftakt-Lesung des Leseschwarms transportierte ihr Ausspruch den Gedanken, dass die deutsche Sprache in der jüdischen Literatur eine wichtige Rolle spielte und bis heute spielt. Dadurch erfuhr das Deutsche zugleich eine hohe kulturelle Wertschätzung.

Das verdeutlichten die Initiatoren anhand einer großen Auswahl an Gedichten ausschließlich jüdischer Autoren, die sie im Laufe des Abends vortrugen. Heidrun Scheyhing, Ursel und Elmar Ullrich, Renate Heidler, Alice Schnitzer und Walter Wolfgarten lasen zu jedem der zwölf ausgewählten Lyriker je zwei bis drei Poeme vor. Über deren bloße Wiedergabe hinaus referierten sie kurz über die Biografien der Autoren und ordneten die Werke in den Kontext ihres Schaffens ein.

Obwohl der Schwerpunkt der Auswahl bewusst nicht auf Holocaust-Literatur gelegt wurde, gehörten politische und existenzielle Gedanken sehr wohl zu den Inhalten der Gedichte. Bewusst wurden auch eher unbekannte Werke von teilweise weniger bekannten Autoren aufgenommen, betonte Elmar Ullrich. Manches davon fällt unter die Exilliteratur im Zweiten Weltkrieg emigrierter Schriftsteller.

Nicht nur zwischen den Autoren unterschieden sich Stile und Themen, auch die einzelnen vorgetragenen Gedichte hoben sich voneinander ab und boten einen mannigfaltiges Panorama durch die jüdische Lyrik verschiedener Epochen. Die ausgewählten Texte seien gewollt "nicht repräsentativ", sagte Elmar Ullrich. Begonnen mit Heinrich Heines "Angelique" aus der Gedichtsammlung "Buch der Lieder" aus dem Jahr 1827 führte das Abendprogramm die Zuhörer bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts zu Werken von Nelly Sachs, Hilde Domin und Rose Ausländers Gedichtsammlung "Regenwörter". Während deren Werke aus der Zeit nach dem Krieg vor allem kontemplativ und persönlich gestaltet sind, behandelten viele der Texte implizit oder explizit politische und gesellschaftskritische Themen - so unter anderem Kurt Tucholskys "An den deutschen Mond" oder Heines "Deutschland. Ein Wintermärchen".

Die Themen beschränkten sich bei Weitem nicht auf die NS-Zeit. Auch philosophische Gleichnisse wie Franz Kafkas berühmte "Kleine Fabel" von der Maus, die von einer Katze gefressen wird, blieben nicht aus. Im Gegensatz zum Kafkaesken fanden sich unter den Rezitationen auch alltägliche, kluge und witzige Gedichte. Beispielsweise Mascha Kalekos "Kleine Angina": Das lyrische Ich erinnert sich an Kindheitstage, den Arzt, der mit verschwörerischem Zwinkern Schulfrei verordnet, und Meinungen zum Lernen und Erwachsenwerden, die sich später nicht geändert haben.

Impressionistische Naturbeschreibungen wie Selma Meerbaum-Eisingers "Regen" oder Hugo von Hoffmannsthals "Vorfrühling", Liebesgedichte wie Erich Frieds "Was es ist" oder Karl Kraus' "Dein Fehler" und zeitgeistige Momentaufnahmen wie Else Lasker-Schülers "Weltende" vervollkommneten den Eindruck des Abends, dass der Begriff der jüdischen Literatur nicht als ein klar umrissenes Genre zu fassen ist. Vielmehr umspannt sie die ganze Vielfalt der deutschsprachigen Literatur überhaupt.

Das Wichtigste von heute
Newsticker Bergstraße
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional
Meistgelesene Artikel
Neueste Artikel