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Donnerstag, 24.05.2012

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Serie: Die Kunsthalle Mannheim gilt heute als Skulpturenmuseum – zu verdanken hat sie wichtige Arbeiten dem Mäzen Sally Falk

Die Kunst und der Kaufrausch

Von unserem Redaktionsmitglied Annika Wind

Sind ab heute in der Kunsthalle ausgestellt: Gipsbüsten, die Wilhelm Lehmbruck von Sally Falk und seiner Frau fertigte.

Sind ab heute in der Kunsthalle ausgestellt: Gipsbüsten, die Wilhelm Lehmbruck von Sally Falk und seiner Frau fertigte.

© Kunsthalle

"Mästende Geldverdiener" verachtete er. Sally Falk war reich, sehr reich sogar. Zumindest für einige Zeit. Doch an "Zahlenhäufung", so schrieb er einmal an Gustav Friedrich Hartlaub, war er nicht interessiert. Geld, so erklärte er dem kommissarischen Leiter der Kunsthalle Mannheim, müsse investiert werden. In "ideelle Dinge", in Kunst. Der Maler George Grosz liebte ihn dafür, schließlich sei der Mannheimer Baumwollfabrikant ein Mensch, "der Unsummen an Krieg und Scheußlichkeit verdiente und sie in Schönheit anlegte, der uns Künstlern zukommen ließ, was er der Heeresleitung abnahm". Zwischen 1915 und 1917 kaufte Falk Kunst im rasenden Tempo. Und kaum war er in den Kreis der bekanntesten Kunstsammler aufgestiegen, kam der Fall: Falk war pleite. Und verließ die Stadt.

Heute erinnern in den Beständen der Kunsthalle sechs Skulpturen von Wilhelm Lehmbruck, darunter zwei Gipsbüsten, an den Fabrikanten und seine Frau. Falk war 1888 in Heilbronn zur Welt gekommen. Adèle Demolis stammte aus Marseille und hatte den Unternehmersohn im Sommer 1916 geheiratet. Kurz darauf zog das Paar in die Mollstraße 18 und lud Lehmbruck zu Porträtsitzungen ein. Er sei ein "Autokrat", seine Frau ein extravaganter "Paradiesvogel" gewesen, erinnerte sich Grosz in seiner Autobiografie. Doch Lehmbruck reduzierte die individuellen Züge der beiden auf ein Minimum, auf den ersten Blick wirken sie wie Zwillinge - ihre Gesichter sind lange, weich modellierte Ovale, ihre Augen groß, die Lider schwer. Würdevoll sehen sie aus, ruhend. Die beiden expressionistischen Plastiken begleitete Lehmbruck mit so vielen Zeichnungen, wie bei keinem anderen Porträt. Die Falks gibt es heute in Museen in Tel Aviv oder New York, in verschiedenen Fassungen und Materialien. Sally Falk wünschte sich seine Büste schließlich in Bronze, seine Frau Adèle bat um weißen, das Licht schluckenden Marmor. Die Gipsarbeiten kamen 1960 in die Kunsthalle - Maria Tannenbaum hatte sie dem Haus in Erinnerung an ihren Mann, den jüdischen Galeristen Herbert Tannenbaum, gestiftet.

Fast 100 Werke soll Falk allein von Lehmbruck besessen haben, den er finanziell unterstützte und sich dafür ohne Einschränkung in seinem Atelier bedienen durfte. Aber auch Werke von Degas, Renoir, Cézanne, Gauguin, Picasso, Chagall, Munch, Marc, Feininger, Kandinsky und Kokoschka. In kurzer Zeit kaufte er sich eine Kollektion von Weltrang. Nicht als Wertanlage, so Falk, sondern aus Liebe zur Kunst. Kein Wunder, dass der Kunsthallen-Direktor Fritz Wichert und sein Assistent Gustav Friedrich Hartlaub alles versuchten, um ihn als Mäzen zu gewinnen. "Es kommt darauf an, der Kunsthalle fortschrittlich gesinnte (. . .) Freunde zu sichern", schrieb der im Kriegsdienst stehende Kunsthistoriker 1917 an Hartlaub. "Will es das Schicksal, dass diese Freunde dann auch noch guten Geschmack besitzen, so ist der Nutzen umso größer."

1916 hatte Falk die Firma für Baumwollverwertung seines Vaters in Neckarau übernommen. Im selben Jahr zeigte die Kunsthalle die einzige Museums-Schau von Lehmbrucks Werken zu dessen Lebzeiten, aus der heraus Falk einiges kaufte. Wenig später versprach er, zahlreiche Arbeiten dem Museum zu stiften. Doch als Falk 1917 das teuerste Bild des Galeristen Alfred Flechtheim erstand, den "Zuaven" von van Gogh, gab er es kurz darauf wieder zurück - er hatte ein Finanzproblem. Im Februar 1918 schrieb Falk, der sich inzwischen in der Schweiz aufhielt, an Hartlaub: "Ich liege seit Monaten an schwerer Brustfellentzündung hier mit hohem Fieber zu Bett. In der Zeit meiner Abwesenheit in Deutschland haben Leute, denen ich vertraute (und) grosse Vollmachten gab, meine finanzielle Situation so weitgebracht, dass ich um meine Existenz zu retten meine Sammlung verkaufen muss." Dennoch trat 1921 eine Schenkung an die Kunsthalle in Kraft - von Lehmbruck-Plastiken, Ernesto de Fioris "Jüngling", Kolbes "Sklavin" und Scharffs "Athlet".

Schnelle Gewinne, schneller Ruin: Falk blieb in der Schweiz, aus Angst, sich wegen Steuerhinterziehung verantworten zu müssen oder zum Kriegsdienst eingezogen zu werden. Wie er seine weiteren Lebensstationen in Arosa, Genf, Lyon und San Remo bis zu seinem Tod 1962 finanzierte, ist nicht ganz klar. Aber sicher ist: Für Grosz war Falks Mäzenatentum wie ein "kurzlebiges Groteskspiel", von dem einige profitierten - auch er selbst. Und die Kunsthalle verdankt Falk ihre wichtigsten Lehmbruck-Plastiken, auf denen ihre bedeutende Skulpturenbestände gründen.

© Mannheimer Morgen, Donnerstag, 19.01.2012

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