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Interview: Der Mannheimer Psychologe Oliver Dickhäuser über den Umgang mit heterogenen Lerngruppen

„Wir brauchen eine Partnerschaft zwischen Eltern und Lehrern“

Archiv-Artikel vom Donnerstag, den 14.01.2016

Von Caroline Blarr

Seit dem Pisa-Schock wird in Deutschland gestritten - über das dreigliedrige Bildungssystem, Lehrerbildung und Unterrichtsformate. Oliver Dickhäuser, Professor für Pädagogische Psychologie an der Universität Mannheim, erklärt, warum die Schulform nicht entscheidend für den Lernerfolg ist.

Im Klassenraum sind Lehrer häufig Einzelkämpfer. Der Austausch mit Kollegen, Eltern und externen Fachkräften wie Sozialarbeitern oder Psychologen sollte deshalb gestärkt werden, rät der Experte.

© dpa

Prof. Dr. Oliver Dickhäuser

© Universität Mannheim

Mannheim. "Den Schüler dort abholen, wo er steht" - ist das ein pädagogischer Allgemeinplatz oder die Zauberformel für erfolgreichen Unterricht?

Oliver Dickhäuser: Es hilft zumindest bei der Orientierung. Das Problem ist, dass das Konzept suggeriert, erfolgreicher Unterricht hänge allein von den Lernvoraussetzungen der Schüler ab. Mindestens genauso wichtig ist es aber, die Lernfortschritte im Blick zu haben. Ein Lehrer muss beurteilen können: Was bringt ein Schüler mit? Was versteht der Schüler, was nicht?

Ist die pädagogische Ausbildung darauf ausgerichtet?

Prof. Dr. Oliver Dickhäuser

  • Studium der Psychologie (Diplom) und der Fächer Deutsch, Mathematik, Sachunterricht, Naturwissenschaft/Technik (Staatsexamen Lehramt) an der Universität Bielefeld.
  • Forschung: Motivationale und kognitive Prozesse bei Schülern und Lehrkräften.
  • Seit 2008 ist Dickhäuser Professor für Pädagogische Psychologie an der Universität Mannheim.

Dickhäuser: Es gibt inzwischen mehr Forschung zum Thema diagnostische Kompetenz, es ist auch zunehmend Teil der theoretischen Ausbildung an den Universitäten. In der Praxis geht es darum, gezielt Situationen zu schaffen, die einen Abgleich zwischen erwartetem und tatsächlichem Leistungsstand ermöglichen.

Wie kann so eine Situation aussehen?

Dickhäuser: Eine Lehrkraft muss in der Lage sein, das mittlere Leistungsniveau einer Klasse abzuschätzen, etwa, um beim Konzipieren einer Klassenarbeit nicht daneben zu liegen. Eine Test-Aufgabe im Vorfeld kann wichtige Hinweise liefern. Welche Vermutung habe ich hinsichtlich der Ergebnisse? Wie sieht das erzielte Resultat aus?

Wird es nicht immer schwieriger, das Leistungsniveau einer Klasse zu bestimmen, wenn die Heterogenität einer Lerngruppe zunimmt?

Dickhäuser: Wichtig ist jedenfalls, dass der Lehrer auch die Unterschiedlichkeit der Leistungsfähigkeit einschätzen kann. Um passende Aufgabenniveaus zu stellen, muss man wissen, wie groß die Streuung ist. Sie kann je nach Klasse sehr unterschiedlich ausfallen. Wenn man sie unterschätzt, fällt die Binnendifferenzierung, also die individuelle Förderung, vielleicht zu schwach aus.

Ist die Gemeinschaftsschule die Schulform, die solche Entwicklungen am besten abfangen kann?

Dickhäuser: In jeder Schulform ist Heterogenität eine Herausforderung. Auch am Gymnasium, sogar an der Universität, begegnet sie Lehrenden. Die Gemeinschaftsschule bringt da nicht per se einen Vorteil.

Wenn nicht die Schulform das Entscheidende ist, was dann?

Dickhäuser: Unterschiedlichkeit muss zunächst einmal wahrgenommen werden, damit man reagieren kann. Vielleicht wird dem Lehrer an einer Gemeinschaftsschule die Herausforderung stärker vor Augen geführt. Das Unterrichtsprogramm muss so angepasst werden, dass jeder Schüler ein an seine Fähigkeiten ausgerichtetes Lernangebot findet.

Sind Lehrer mit solchen Aufgaben nicht überfordert?

Dickhäuser: Im Unterricht sind Lehrer meist auf sich allein gestellt, aber das Schulsystem bietet ein breites Unterstützungsnetz, zum Beispiel Schulsozialarbeiter und Schulpsychologen. Lehrer müssen auch auf die Ressourcen, die da sind, zurückgreifen und zum Beispiel den Austausch mit Kollegen, Referendaren oder Praktikanten stärker nutzen. Da kann man Praktikanten auch mal mit gezielten Beobachteraufgaben im eigenen Unterricht einsetzen. Aber klar ist auch: Schulen stehen vor immensen Herausforderungen, etwa was das Thema Inklusion betrifft. Die Forderung nach mehr geschultem Personal und externen Fachkräften ist gerechtfertigt.

In den letzten Jahren sind auch Begriffe wie Hochbegabung oder Lese-Rechtschreib-Schwäche verstärkt aufgekommen. Wie sollen Lehrer damit umgehen?

Dickhäuser: Lehrer sollen und müssen keine formalen Diagnosen abliefern. Wichtiger ist, dass sie je nach Situation erkennen, ob Förderbedarf da ist - und der ist erst mal unabhängig von einer formalen Diagnose. Ein Schüler, der sich langweilt, weil er dem Lernstoff seiner Klasse in allen Fächern weit voraus ist, könnte zum Beispiel probeweise mal den Unterricht in einer Klassenstufe darüber besuchen. Dafür braucht es keine Hochbegabungsdiagnose.

Wie schafft man es, dass die Schüler bei aller Differenzierung voneinander profitieren?

Dickhäuser: Eine Möglichkeit ist zum Beispiel, dass leistungsstarke Schüler eine Art "peer-tutoring", also eine Lernpatenschaft für schwächere Schüler, übernehmen.

Und wie können Eltern unterstützend tätig werden?

Dickhäuser: Eltern und Lehrer müssen sich als Partner ansehen. Oft kommt es erst zum Gespräch, wenn es Probleme gibt. Das Idealbild wäre, dass da ein steter Austausch stattfindet und bei Herausforderungen wie der Inklusion gemeinsam nach Lösungen gesucht wird.

Donnerstag, 14.01.2016
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