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Donnerstag, 24.05.2012

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Geburtstag: Heute wird Helmut Kohl 80 Jahre alt – sein Name bleibt ewig mit der Wiedervereinigung verbunden:

Ein Pfälzer für die Geschichte

Michael Schröder

Mannheim. September 1998. Flug von Berlin nach Bitterfeld zum nächsten Wahlkampf-Auftritt. In gut einer Woche wird gewählt. Befreit von Sakko und Schuhen, hat es sich Helmut Kohl in seiner Strickjacke bequem gemacht. "Glauben Sie nicht den Meinungsumfragen", sagt der Kanzler, "diese Bundestagswahl wird so manche Überraschung bringen." Hat er nicht davon gehört, dass es überall "16 Jahre Kohl sind genug" heißt? Kohl wischt den Einwand beiseite. "Ich kenne das deutsche Volk." Soll heißen: Die Menschen vertrauen mir. Und trotzig fügt er hinzu: "Zu viele haben mich bereits begraben. Denen will ich es jetzt zeigen."

Der Bundeskanzler sollte sich irren. Am 27. September wird das Denkmal vom Sockel gestürzt. Gegen den jüngeren Gerhard Schröder, der seinen Widersacher als "George Foreman der deutschen Politik" verspottet, hat er keine Chance. Die Deutschen sind seines zunehmend entrückten, altväterlichen Regierungsstils überdrüssig.

Schatten der Spendenaffäre

Wenn Helmut Kohl heute 80 Jahre alt wird, dann kann er auf ein Leben zurückblicken, das von Höhen und Tiefen, Triumph wie Tragik gleichermaßen geprägt ist: Kein Kanzler, selbst Vorbild Konrad Adenauer nicht, hat so lange regiert wie der Mann aus der Pfalz. Sein Name wird auf ewig in den Geschichtsbüchern mit der deutschen Einheit verbunden sei. Der europäische Einigungsprozess, die Einführung des Euro, das ist vor allem sein Verdienst.

Doch die CDU-Spendenaffäre, die nach seiner Amtszeit ans Tageslicht kam, warf lange Schatten auf Kohls Lebenswerk. Bis heute hat ihm seine Partei nicht restlos verziehen, dass er nie die Quellen der schwarzen Kassen preisgab und sein schützendes "Ehrenwort" für die Millionen-Gönner über das Recht stellte. Den Ehrenvorsitz der CDU, den er auf Druck von Angela Merkel abgeben musste, trägt ihm keiner mehr an. Aber selbst diese trübe Wendung eines einzigartigen politischen Lebenswegs kann nicht die historische Leistung Kohls schmälern.

Einer, der Kohl nahestand, ist der Mannheimer Wahlforscher Wolfgang Gibowski. Er war als Direktor des Bundespresseamts einer seiner engsten Berater. Am Ende gingen die beiden zerstritten auseinander und Gibowski erlebte Kohls gnadenloses Freund-Feind-Denken wie zuvor Kurt Biedenkopf oder Heiner Geißler. Dennoch blickt Gibowski heute ohne Groll zurück: "Helmut Kohl war und ist ein Glücksfall für Deutschland." Kein anderer hätte dem Ausland die Angst vor der Wiedervereinigung nehmen können. Kohl habe für Verlässlichkeit gestanden. Gibowski: "Man wird Straßen und Plätze nach ihm benennen."

Als Kohl 1982 Kanzler wurde, ließen die Medien kein gutes Haar am "schwarzen Riesen", den einige "Birne" nannten. Dass Kohl aus bodenständiger Verwurzelung sein Selbstvertrauen zog, wurde ihm als miefiger Provinzialismus ausgelegt. Auch Kohls innerparteiliche Widersacher unterschätzten seine Beharrlichkeit. Geschickt zog der Ludwigshafener die Fäden in der CDU, schuf sich ein Netzwerk. In seinem Notizbuch standen die Namen all derer, die er persönlich anrief, um ihnen zum Geburtstag zu gratulieren. Das "System Kohl" war erfolgreich, weil es nicht auf intellektueller Programmatik ruhte, sondern Macht durch Protektion und Ausgrenzung absicherte. Wer sich ihm in den Weg stellte, den drückte Kohl brachial beiseite.

Da gab es aber noch die andere Seite des Helmut Kohl, die des sentimentalen Historikers, der stets die Erinnerungen bemühte. Wenn er von seiner Jugend in einem Deutschland erzählte, das in Trümmern lag. Vom Schicksal seines Bruders, der im Zweiten Weltkrieg fiel. Von einem Europa, das nie wieder Völkerhass erleben dürfe. Damit imponierte er dem französischen Staatspräsidenten François Mitterrand wie dem sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow. Weil Kohl die große Politik auf die menschliche Ebene zog. "Er zeigte mir, dass auch die Deutschen eine Seele haben, nicht nur die Russen", erinnert sich Gorbatschow. Wie viel Kalkül dahinter steckte und wie viel Emotion - das weiß nur Kohl selbst.

Um Kohl ist es einsam geworden

Es ist ein langer Weg, den Kohl zurücklegte. Er begann ihn als "zorniger junger Mann aus der Pfalz", wie der Mannheimer Klaus Dreher 1965 in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" schrieb. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere wurde Kohl, dessen physische Präsenz beinahe erdrückend war, mit einem unverrückbareren "Eichenschrank" verglichen. Heute, an seinem Geburtstag, sitzt er schwer gezeichnet im Rollstuhl. Kohl kann nur noch mühsam sprechen - Folge eines Schädel-Hirn-Traumas, das er sich bei einem Sturz in seinem Haus in Ludwigshafen-Oggersheim zugezogen hat.

Der Selbstmord seiner Frau Hannelore, die Entfremdung zwischen ihm und den beiden Söhnen, die nicht zur Hochzeit mit Kohls zweiter Frau Maike Richter eingeladen waren, seine langen Klinikaufenthalte, zuletzt wegen der Entfernung der Gallenblase - um Kohl ist es sehr einsam geworden. Maike Kohl-Richter schirme ihren Mann total ab, wird berichtet. Es heißt aber auch, dass noch Lebenswillen in ihm stecke, habe er vor allem ihr zu verdanken.

© Mannheimer Morgen, Samstag, 03.04.2010

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