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Donnerstag, 24.05.2012

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Kriminalität: Die Europäische Grundrechte-Agentur FRA geht davon aus, dass in der EU jedes Jahr tausende Mädchen und Jungen Opfer von skrupellosen Menschenhändlern werden:

Europas verlorene Kinder – vermisst, aber nicht gesucht

Die Europäische Grundrechte-Agentur FRA schlägt Alarm: Jedes Jahr werden in Europa tausende Kinder Opfer von Menschenhändlern. Doch die meisten Länder ignorieren das Problem.

Madeleine Bierlein

Dayo kommt aus Nigeria. Das Mädchen war 15 Jahre alt, als es illegal nach Großbritannien gebracht wurde - als Haushaltssklavin. Die Minderjährige musste drei Kinder versorgen, Essen kochen, Wäsche machen, putzen. Statt eines Gehalts gab es Prügel. Nach drei Jahren nahm Dayo ihren ganzen Mut zusammen und ging zu einer Hilfsorganisation.

Doch damit war Dayos Leid längst nicht beendet: Ihr Kinderhändler erfuhr von den Fluchtplänen, versuchte, sie zurück nach Nigeria zu bringen. Als sie sich weigerte, in das Flugzeug zu steigen, wurde sie zur Einwanderungsbehörde gebracht. Die Beamten dort glaubten ihre Geschichte nicht und ließen den Kinderhändler laufen. Erst eine Asylantenhilfsorganisation konnte Da-yos Abschiebung verhindern.

Es ist eine dramatische Geschichte, die der Direktor der EU-Agentur FRA, Morten Kjaerum, erzählt. Und doch scheint es sich dabei um europäischen Alltag zu handeln. Einem Bericht der FRA zufolge könnten allein in Europa bis zu 100 000 Minderjährige Opfer von Kinderhandel sein. Das Ziel der Menschenhändler sei "sexuelle Ausbeutung, Ausbeutung ihrer Arbeitskraft, Bettelei oder Organbeschaffung", sagt Kjaerum.

Chaos in Flüchtlingslagern

Leichte Opfer der Kriminellen sind ausländische Flüchtlinge. So verschwanden im vergangenen Jahr 400 der 1320 Minderjährigen, die im Einwanderungszentrum der italienischen Insel Lampedusa ankamen. Die meisten von ihnen Afrikaner. Der italienische Innenminister Roberto Maroni mutmaßte, sie könnten Opfer von Organhändlern geworden sein. Die Organisation "Save the Children" erklärte allerdings, dass es dafür keine Beweise gebe, die Kinder eher in die Hände von Sexhandelsringen geraten sein könnten. Ute Kretschmann vom Kinderhilfswerk Plan International wundert dies wenig. "In Flüchtlingscamps geht alles drunter und drüber. Dort herrscht Chaos, die Menschen sind traumatisiert. Wenn da ein Kinderhändler kommt, vielleicht mit dem Versprechen ,Ich bring Dich zu Deinen Eltern', dann folgen ihm natürlich viele."

Gesucht werden die vermissten Kinder nicht. "Das geschieht nirgends", klagt Waltraud Heller von der FRA. Und fügt hinzu: "Was haben die Länder schon für ein Interesse, diese Kinder zu finden?" Doch so dramatisch die Situation in Italien auch sein mag. "Dort werden wenigstens die Daten erhoben", lobt Heller. In ihrem Bericht beklagt die FRA, dass dies nur in den wenigsten Ländern geschehe, und wird darin von zahlreichen Organisationen unterstützt.

"Auch in Deutschland gibt es keine zentrale Erfassung", kritisiert Rudi Tarneden, Sprecher des Kinderhilfswerks UNICEF in Deutschland. Und Morten Kjaerum, Direktor der EU-Agentur FRA betont: "Wenn Opfer nicht als Opfer identifiziert werden, lassen sich die Täter auch nicht zur Verantwortung ziehen."

Nicht nur aus Auffanglagern, auch aus Heimen verschwinden jedes Jahr zahllose Minderjährige. Besonders dramatisch ist die Situation im Osten der Europäischen Union. Allein in Ungarn wurden im Jahr 2005 insgesamt 1853 vermisste Mädchen und Jungen gezählt, die meisten davon Heimkinder. "Sie sind in erheblichem Maß gefährdet, Opfer von Menschen- und Kinderhändlern zu werden", sagt UNICEF-Sprecher Tarneden. Selbst in Mannheim beobachten Sozialarbeiter - etwa von "Freezone", einer Anlaufstelle für Straßenkinder - wie Erwachsene wohnsitzlose Kinder und Jugendliche ansprechen, mit Kleidung oder anderen Geschenken locken. Nicht selten führt der Weg in Drückerkolonnen oder in die Prostitution.

Das Risiko für die Kinderhändler scheint indes nicht besonders groß zu sein. Nur die wenigsten Fälle kommen vor Gericht. So wurden in den Jahren 2000 bis 2007 nur in vier Ländern der Europäischen Gemeinschaft Urteile wegen Kinderhandels verhängt. In Deutschland kamen UNICEF zufolge 2007 insgesamt 690 Fälle von Menschenhandel mit dem Ziel der sexuellen Ausbeutung vor Gericht - aber lediglich in sieben Fällen waren die Opfer minderjährig.

Opfer oft kriminalisiert

"Es fehlt auch an den gesetzlichen Grundlagen für die Bekämpfung des Kinderhandels", klagt Waltraud Heller. Oft würden die Jugendlichen wie Kriminelle behandelt und sogar eingesperrt, wie das Beispiel von Regina zeigt. Das ebenfalls aus Nigeria stammende Mädchen, vermutlich 16 oder 17 Jahre alt, wurde im vergangenen Jahr auf einem Schiff verhaftet, das von Großbritannien nach Frankreich fahren sollte. Regina gab an, von einem Mann nach England gebracht worden zu sein. In dessen Wohnung sei sie vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen worden.

Wie sich später herausstellte, gehörte ihr der Ausweis, den sie der Polizei gezeigt hatte, nicht. Obwohl ein Sozialarbeiter aussagte, dass Regina Opfer einer Sexhandelsorganisation war, wurde sie von einem britischen Erwachsenengericht zu einer Haftstrafe von acht Monaten verurteilt. Die Tatsache, dass sie vermutlich minderjährig war, ignorierte das Gericht laut EU-Bericht.

"Es ist inakzeptabel, dass Kinder, die Opfer von Menschenhändlern wurden, kriminalisiert und sogar inhaftiert werden", kritisiert Morten Kjaerum. Die Europäische Grundrechte-Agentur fordert daher Mindeststandards, die sicherstellen, dass die Opfer nicht bestraft werden. Außerdem seien europaweit einheitliche rechtliche Rahmenbedingungen für die Verfolgung von Kinderhändlern nötig.

Erst dann könnten all die Dayos und Reginas auch von amtlicher Stelle wirkliche Hilfe erwarten. So wie es in Artikel III-24 der Grundrechte-Charta der EU längst festgelegt ist: "Bei allen Kinder betreffenden Maßnahmen öffentlicher Stellen oder privater Einrichtungen muss das Wohl des Kindes eine vorrangige Erwägung sein."

© Mannheimer Morgen, Dienstag, 14.07.2009

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    Quelle: Deutsche Bank / Realtime Indikation

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