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Lyrik: Uwe Tellkamps erstes Gedichtbuch nimmt uns mit auf eine luftige "Reise zur blauen Stadt"

Fliegender Teppich der Poesie

Von unserem Mitarbeiter Hans-Dieter Fronz

Wo sind wir hier gelandet, gestrandet? In einer "Stadt mit Wasseretagen und Schwebstofftapeten", den Namen kennen wir noch nicht. Die Häuser haben "empfindliche Wangen", der Philosoph im Uhrenturm nickt bedächtig auf Arabisch. Es gibt eine Sterndeuterin, einen Zauberer und einen ungarischen Krokodildompteur. Admiral von Krusenstern, der frühere Befehlshaber der Flotte, besitzt eine Erst- und eine Zweitausgabe des Platon und sucht "das Endgültige" auf den sieben Weltmeeren, weil es im Hafen nicht zu finden ist.

Schiffsarzt Dr. Larrios verschreibt bei entsprechender Indikation Hofmannstropfen aus der Lyrischen Hausapotheke. Ein Patient von ihm konstruiert Fliegen aus Edelstahl. Eine ganz gewöhnliche Stadt also - aber den Namen wissen wir noch immer nicht. Immerhin: Dass sie am Meer liegt, unterliegt keinem Zweifel. Was ja den Kreis der Möglichkeiten stark eingrenzt. Oder doch nicht? Dresden, zum Beispiel. Libussa Federspiel, Dozentin an der Nautischen Akademie, sagt: "Ich kenne Dresden. Das ist auch eine von unseren Städten am Meer". Aha!

Aus der üblichen Ordnung gerückt

Nichts ist unmöglich in Uwe Tellkamps "Gedicht in vierzig Kapiteln", als das der Verlag seine "Reise zur blauen Stadt" ankündigt; denn die Dinge sind in dem Buch ein bisschen aus der üblichen Ordnung gerückt. Und in Wahrheit haben wir in keiner realen Stadt angelegt, sondern - in der Welt der Fantasie, der Dichtung, des Märchens. Und da kann Dresden schon mal am Meer liegen.

Vieles in dem Band ist anders als in der realen Welt, die Schwerkraft des Wirklichen aufgehoben. "Es gibt Bücher, die lassen Apfelbaumzweige / durch die Seiten wachsen", lesen wir. "Daran reifen Sorten, / deren Aromen durchsichtige fliegende Teppiche sind". An einer Stelle des Buchs schwingt sich Pegasus durch die Lüfte, das geflügelte Pferd der Poesie. So öffnet "das Wunder seine Flügel." Andererseits wurzelt die Welt des Gedichts durchaus im Realen, im Hier und Jetzt unserer technisch-ökonomischen Welt. Computer, Hypertext, Handys und Börsenkurse sind keine Fremdwörter. Und wie in der wirklichen Welt hat die Kultur beim Finanzminister (der hört auf den Namen Donald Duck!) schlechte Karten.

Das eigentlich Überraschende an dem Buch aber ist sein literarisches Genre. Uwe Tellkamp, der Romanschriftsteller, der Autor des preisgekrönten "Turms", auch ein Lyriker? Wer freilich ein Gespür für Sprache hat, der wird - bei der Ausdruckskraft, der Intensität und poetischen Verdichtung von Tellkamps Romansprache - über die Publikation nicht überrascht sein. Zumal diese Lyrik selber ins Episch-Summarische tendiert. Nicht auf Sand, auf Literatur ist Tellkamps namenlose Stadt gebaut.

Schon die Namen einzelner Figuren sind ein Indiz: Der Kastellan des Archivs heißt Prospero, eine Versicherungsmaklerin Zenobia Quichotte, die Architektin in der Hafen-City Penelope; auch der Baron von Münchhausen und Scheherazade fehlen nicht. Und der Satz: "Wir reisen nach innen" zitiert fast wortgetreu Novalis' berühmte Formel: "Nach innen geht die geheimnisvolle Reise". So outet sich Tellkamp als verkappter Romantiker. Ein Indiz ist schon die allgegenwärtige Farbe Blau, sie lässt an die romantische Suche nach der Blauen Blume denken. Und das lyrische Geschehen? Ist ein bisschen undurchsichtig und im Grunde Nebensache, es verschwindet beinahe unter den fantastischen Blüten der Imagination, den Kapriolen der Sprache.

Denn dies ist das Buch vor allem anderen: ein ausgelassenes, virtuoses Sprachspiel, das an den Mitspieler oder Leser stellenweise enorme Anforderungen stellt. Über seine fantastisch-hermetischen Bilder und verrätselten Anspielungen dürfte sich künftig noch so mancher germanistische Dechiffrierkünstler den Kopf zerbrechen.

Mannheimer Morgen
16. November 2009

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