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Nach einem Unfall musste Jomar seine Sportkarriere beenden. Seitdem ist sein Leben aus den Fugen. Seine Frau hat ihn verlassen, seinen kleinen Sohn hat er noch nie zu Gesicht bekommen. Jomar säuft, hat Fett angesetzt und vergeht vor Selbstmitleid. Der Job als Liftwärter in einer vom Schnee verwehten Einöde gibt ihm auch nicht gerade Halt. Seiner Psychiaterin erzählt er, dass er seine Depressionen im Griff habe, aber das ist natürlich gelogen. Es wird Zeit, dass Jomar aus seiner Lethargie erwacht und sein verkorkstes Leben in den Griff kriegt. Kurz entschlossen besteigt er sein Schneemobil und macht sich auf in den Norden Norwegens. Denn hoch oben, in der Nähe des Polarkreises, wohnen Frau und Kind, das Ziel seiner Sehnsucht nach einem normalen, glücklichen Leben.
"Nord" ist ein Road-Movie und filmisches Antidepressivum der norwegischen Art. Statt mit einem schnellen Auto geht es nur langsam mit Schneemobil und Skiern voran. Überall diese hohen Berge. Und dann diese merkwürdigen Menschen, die herumstehen, kaum reden, aber gern ein Gläschen Alkohol zu viel süffeln. Dann verliert Jomar auch noch in Schneestürmen die Orientierung, wird schneeblind, hat keinen Proviant mehr. Eigentlich ist sein Unterfangen aussichtslos. Aber wie von inneren Furien getrieben macht er weiter. Was sollte er auch sonst tun?
Der norwegische Regisseur Rune Denstad Langlo benötigt nicht viel, um einen ebenso bizarren wie komischen Film zu drehen. Für "Nord" braucht er nur einen großartigen Haupt-Darsteller (Anders Baasmo Christiansen) und viele begabte Laien. Sie agieren so sparsam und mit einer solch charmanten Natürlichkeit, dass es den Zuschauer schier umhaut. Wen Jomar auch unterwegs in dieser atemberaubenden Landschaft trifft, wer immer ihm Herberge gibt und ihm weiter hilft - unter anderem ein lebenshungriges Mädchen mit ihrer Großmutter, ein junger Bauer mit skurrilen Trinkgewohnheiten -, sie alle sind kernige, kauzige Typen, deren kantige Gesichter ganze Geschichten erzählen. Schließlich trifft Jomar noch auf einen geheimnisvollen Greis, der sich zum Sterben in ein Zelt zurückgezogen hat. Doch bevor der Tod ihn holt, hat der alte Mann noch ein paar hilfreiche Tipps.
"Nord" ist poetisch und grotesk, ein Film über die Kraft der Hoffnung, die Schönheit der Natur und die Freiheit des Lachens. Denn Lachen, wenigstens Schmunzeln, muss man ständig, wenn man Jomar auf seinem Weg zurück ins Leben folgt. Bei der Berlinale heimste der Film in der Panorama-Reihe Lorbeeren ein, bei der Filmkunstmesse Leipzig erhielt er den Publikumspreis. Zu Recht.
Morgenmagazin
14. Januar 2010
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