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"Quellen des Lebens“: Oskar Roehler blickt melancholisch-ironisch in die Vergangenheit

Panorama der Bundesrepublik

Von Gregor Tholl (dpa)

Immer recht freundlich: Erich Freytag (Jürgen Vogel, re.) hat wieder einen Zwerg verkauft, sein Sohn (Kostja Ullmann) führt Buch.

© dpa

Ein westdeutsches Panoptikum von 1949 bis in die späten 70er Jahre: Das ist Oskar Roehlers neuer Film "Quellen des Lebens", sein bislang wohl ambitioniertestes Werk. Ein dreistündiges Epos, das berührt und amüsiert. Es ist eine Entwicklungsgeschichte, die zum Glück darauf verzichtet, historische "Tagesschau"-Momente einzubetten, wie es schlechtere TV- oder Kinoproduktion bestimmt tun würden. Roehlers Reise durch drei Jahrzehnte funktioniert als Generationen- und Gesellschaftsporträt einer untergegangenen Welt: der Bonner Republik.

Der Regisseur Roehler zeigt ein Personen-Panorama in Stadt und Land: In Unterfranken, aber auch Nürnberg sowie in West-Berlin geht es um einen Russlandheimkehrer und Alt-Nazi, um Trümmerfrauen, Trinker, Kommunistenhasser und 68er-Revoluzzer, scheiternde Künstler und versagende Eltern. Erzählt wird - stark stilisiert - die Lebensgeschichte von Oskar Roehler selbst. Der heute 54-Jährige ist der Sohn der Schriftstellerin Gisela Elsner (1937-1992) und des Lektors Klaus Roehler (1929-2000). Im Film heißt er Robert und agiert schon vor seiner Geburt als Erzähler.

Der Film zeige "ein Westdeutschland, das es so nicht mehr gibt", sagt Roehler - mit Schreibmaschinen, Gartenzwerg-Idylle und dem Sehnsuchtsland Italien. Es sei ihm darum gegangen, "Anekdoten zu erzählen". "Ich wollte ein reichhaltiges Kaleidoskop an Eindrücken schaffen." Das ist ihm gelungen.

Grundlage ist Roehlers autobiografischer Roman "Herkunft". Als Roehler drei Jahre alt war, verließ seine Mutter die Familie. Seine Retter wurden die Großeltern. Deren vier Rollen sind bester Stoff für Schauspieler: Margarita Broich begeistert als trinkende Nürnberger Villenbewohnerin, Thomas Heinze als konservativer Großbürger, Meret Becker und Jürgen Vogel übertreffen sich selbst als das andere Großelternpaar, Gartenzwergfabrikanten in der Provinz.

Lavinia Wilson schlägt sich wacker, spielt sie doch als herzlose Mutter Gisela gegen Hannelore Elsner an, die diese Rolle glänzend in Roehlers "Die Unberührbare" (2000) darstellte. Moritz Bleibtreu verkörpert als Roberts Vater gekonnt einen Niedergang: Vom sich verliebenden Sympathieträger wird er zu einem selbstgerechten Ekelpaket, das der Zuschauer hassen muss, so wie er hier seinen Sohn quält.

Im dpa-Interview sprach der 1971 geborene Bleibtreu über die 70er Jahre: "Es war damals auch gar nicht cool, eine Familie zu sein mit Vater, Mutter, Kind. Heute findet man das wieder cool. Zum Glück." Wer sich dafür interessiert, wie die Bundesrepublik - die alte BRD - zu dem wurde, was sie ist, der sollte in diesen Film gehen. Laut X-Verleih läuft er eines Tages als Zweiteiler in der ARD.

Warum nicht in Berlin?

Nicht wenige von Roehlers Inszenierungsideen - etwa die Defloration im Gartenzwerg-Lager oder eine kurze Begegnung des kleinen Robert mit zwei Lederschwulen im nächtlichen Berlin - schießen irgendwie übers Ziel hinaus. Doch trotzdem fragt man sich, warum die diesjährige Berlinale Roehlers frühere Werke wie "Der alte Affe Angst" (2003), "Elementarteilchen" (2006) und "Jud Süß - Film ohne Gewissen" (2010) für einladungswürdig hielt, den vergleichsweise gelungeneren Film "Quellen des Lebens" jedoch nicht.

© Mannheimer Morgen, Donnerstag, 14.02.2013
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