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Avantgardisten des Humors

Von Irena Güttel

Angeblich sind Ostfriesenwitze Ende der 1960er Jahre in einem Gymnasium in Westerstede, Ammerland, entstanden. Jedenfalls erfreuen sie sich immer noch einer gewissen Beliebtheit.

Es gab eine Zeit, da lachte ganz Deutschland über die Ostfriesen. An den Stammtischen, auf Schulhöfen, im Radio oder Fernsehen, überall nahm man das als eigenartig und wortkarg geltende Völkchen auf die Schippe. Heute hört man die Ostfriesenwitze eher selten, aber tot sind sie noch lange nicht - was manchem im äußersten Nordwesten sogar ganz recht ist.

"Warum laufen Ostfriesen immer drei Runden ums Bett, bevor sie schlafen gehen? Damit sie Vorsprung haben, falls ein Räuber kommt." Nach diesem Muster sind die meisten Ostfriesenwitze gestrickt. Sie bestehen aus einer einfachen Frage-Antwort-Form, das Niveau ist eher flach und bedient ein Klischee vom platten Land, grasenden Schafen auf dem Deich und behäbigen, etwas hinterwäldlerischen Menschen, die den ganzen Tag Tee trinken.

Ostfriesland

Ostfriesland ist eine Region in Niedersachsen im Nordwesten Deutschlands.

Es besteht aus den Landkreisen Aurich, Leer und Wittmund sowie der kreisfreien Stadt Emden.

Ostfriesland liegt an der Nordseeküste und umfasst auch die Ostfriesischen Inseln Borkum, Juist, Norderney, Baltrum, Langeoog und Spiekeroog.

Wegen der jahrhundertelangen Abgeschiedenheit des Landes durch große Moore im Süden Ostfrieslands bei gleichzeitiger Hinwendung zur See hat die Region eine eigenständige Entwicklung genommen. Es gibt aber enge Verbindungen zu den Niederlanden.

Ostfriesland gilt als eine der Hochburgen der plattdeutschen Sprache. Schätzungsweise 50 Prozent der Einwohner sprechen noch ostfriesisches Platt.

"Der Ostfriesenwitz ist eine Variante des Dummenwitzes, und der ist immer weitab vom Leben in den Städten angesiedelt, also an den Küsten oder in den Bergen", sagt der Kieler Witzforscher Winfried Ulrich.

Der Legende nach soll der Ostfriesenwitz an einem Gymnasium in Westerstede entstanden sein, das zwar im Ammerland liegt, aber auf das auch Schüler aus dem angrenzenden Ostfriesland gehen. Ende der 60er Jahre erschien in der Schülerzeitung eine Glosse über die Eigenarten der Ostfriesen. Daraus entwickelte sich eine Witzewelle, die sich von der Schule über Norddeutschland immer weiter ausbreitete. "Das grassierte damals richtig", erinnert sich Wiard Raveling, der damals an dem Gymnasium unterrichtete und ein Buch über die "Geschichte der Ostfriesenwitze" geschrieben hat.

Antwort auf Umbrüche

"Warum lachen Ostfriesen, wenn es draußen blitzt? Weil sie denken, dass sie fotografiert werden." Dass die Ostfriesenwitze in den 70ern dann auch bundesweit populär wurden, erklärt der Bremer Humorforscher Rainer Stollmann mit dem Sterben der Schwerindustrie. "Witze sind immer eine Auseinandersetzung mit Modernisierungsschüben. In ihnen drücken sich Ängste aus. Man flüchtet in eine Region, die von der Industrie gar nicht berührt ist", sagt der Kulturwissenschaftler.

Witzmoden kommen und gehen. Viele ähneln sich, nur die Opfer sind andere. In der Nachkriegszeit waren es die Schwiegermütter, in den 90ern die Manta-Fahrer und später die Blondinen. Die Hochzeit der Ostfriesenwitze ist zwar vorbei, trotzdem gibt es sie noch. Auf Witzeseiten im Internet sind Hunderte zu finden, immer noch kommen neue dazu.

Deutschlands berühmtester Ostfriese Otto Waalkes kann die Kalauer über seine Landsleute jedoch nicht mehr hören. "Ostfriesenwitze sind leider nicht totzukriegen, jedenfalls nicht, solange es noch Leute gibt, die sich gern auf Kosten vermeintlich Unterlegener amüsieren", sagt der Komiker. Seine Hoffnung: Dass man zur Abwechslung mal über die lacht, die sich überlegen fühlen.

Vor knapp zwei Jahren erregte sogar eine Anzeige gegen einen Radiomoderator wegen Ostfriesenwitzen Aufsehen. Damals war bei der Osnabrücker Polizei eine Strafanzeige wegen Volksverhetzung eingegangen. Der Grund waren Ostfriesenwitze, die der Moderator des Privatradios ffn in einer Sendung erzählt hatte. Der Erstatter der Anzeige nahm diese wenig später zurück und entschuldigte sich damit, er habe sich unbedacht dazu hinreißen lassen.

Werbung für die Region

Entspannter sieht das Helmut Collmann von der Ostfriesischen Landschaft. "Es gibt Ostfriesenwitze, die sind reichlich platt. Manche aber haben Pfiff", meint der Präsident des Regionalverbands für Kultur, Wissenschaft und Bildung. Und die Witzewelle hatte auch etwas Gutes: "Seitdem kennt man Ostfriesland." So wundert es nicht, dass mancher Tourismusanbieter mit der liebenswerten Schrulligkeit, die den Ostfriesen nachgesagt wird, kokettiert. An eine Renaissance des Ostfriesenwitzes glaubt Collmann allerdings nicht. "Das Ostfriesland von 2013 ist nicht mehr das von früher." Auch dort habe die Industrie etwa mit der Windkraftbranche und dem Autobau längst Einzug gehalten.

"Warum haben Ostfriesen nur eine Viertelstunde Teepause? Weil man sie sonst wieder neu bei der Arbeit anlernen müsste." Darüber lacht Deutschland also nicht mehr. Worüber dann? Eine Witzewelle sehen die beiden Experten Ulrich und Stollmann zurzeit nicht. Die seit einiger Zeit angesagten "Deine-Mutter-Witze" beschränken sich auf die Jugendkultur und sind nicht generationenübergreifend, wie es die Manta- oder Blondinenwitze waren. "Ich könnte mir vorstellen, dass Witze über die Finanzkrise erfolgreich sein könnten", meint Stollmann. Einzelne Witze dazu gebe es schon, eine Welle sei das jedoch noch nicht. Wenn die Witze dann auch noch das Versagen der Banker und Politiker aufs Korn nähmen, dann könnte sich Ottos Hoffnung erfüllen - zumindest ein kleines bisschen.

© Mannheimer Morgen, Samstag, 09.02.2013
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