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Von Rebecca Botsch

Grab eines Marabu, etwa 20 Kilometer von der 45.000-Einwohner-Stadt Tiznit entfernt in den Ausläufern des Anti-Atlas. (Bild: Botsch)
Gegen Mitternacht auf einer kleinen Sanddüne in den Ausläufern des Erg Chegaga werden die Träume von Tausend und dieser einen Nacht wahr: Der Sternenhimmel über der Sahara ist natürlich derselbe wie bei uns - und doch erscheint er in der Steppe so fremdartig und faszinierend. Um die Touristen herum ist es stockfinster, keine Großstadtbeleuchtung stört den Blick, kilometerweit brennt kein Licht. Dafür erstrahlen die Sterne nach Sonnenuntergang umso heller, Fledermäuse ziehen ihre Kreise durch die Nacht und alle paar Minuten fegt eine Sternschnuppe zur Erde.
In Decken und in Schlafsäcke gehüllt, fiebern die Touristen dem Aufgang des Mondes entgegen. Lichter werden gelöscht, Gespräche verebben. Hinter einer der unzähligen Dünen geht der Mond auf - auch er erscheint heller, strahlender und kälter als in Deutschland. In diesem ergreifenden Augenblick, mitten in der Sandwüste, ist jeder mit sich und der Welt für einen kurzen, aber sehr intensiven Moment allein.
Schier unendliche Weiten, ausgetrocknete Flusstäler, Tafelberge, zerklüftete Felsmassive und Gebirge, die an surreale Mondlandschaften erinnern - die marokkanische Sahara offenbart viele Gesichter: Wer bereit ist, auf etwas Komfort zu verzichten, entdeckt in den Steppen, Dünen und Gebirgsklüften die vielen Facetten der Sahara, die beileibe mehr bietet als die klischeehaften Sanddünen: Schier unendliches Land, das vergleichsweise wenigen Menschen eine Chance zum Überleben bietet, Oasen mit pittoresken Palmenhainen mitten in Bergen von Geröll - ein Paradies mit Widerhaken.
Ebenso wie die Touristen das Land, hat Marokko auch die Touristen entdeckt, die das Unverbrauchte, die Verbundenheit zur rauen Natur oder aber das Abenteuer suchen. Hat eine Gruppe die weit und breit größte Düne erklommen, muss sie feststellen, dass sie nicht die einzige ist. Von oben bietet sich nach Osten zwar ein sagenhafter Ausblick bis über die algerische Grenze hinweg. Weiter westlich erblickt das Auge aber dann unzählige Siedlungen von Zelten - allesamt Wüstenlager für Touristen, die eine Nacht fernab der Zivilisation verbringen wollen.
In den letzten Jahren ist die unwirtliche Sandwüste bei Touristen immer beliebter geworden, und immer mehr junge Einheimische wollen ihr Geld mit Reisenden verdienen. Dank unzähliger Offroad-Strecken und detaillierter Karten gelangen die Abenteurer selbst in die entlegensten Gegenden. Wer sich dessen gewahr ist, den verwundert es auch nicht mehr, dass auf abgelegenen Dünen Souvenirverkäufer Schmuck und Teppiche feilbieten.
An der Bevölkerung ist diese Entwicklung nicht spurlos vorbeigegangen. Einsam, mit sich und seiner Umwelt im Einklang, sitzt Ali in seinem Nomaden-Zelt nahe einer Offroad-Strecke. Ein hundertprozentiges Nomadentum gibt es in Marokko nicht mehr: Während die Männer auf die Herden achten, leben Frauen und Kinder in den Städten.
So ist es auch in Alis Familie: Seine Frau und die neun Kinder leben in der 60 Kilometer entfernten Stadt Hamid, berichtet der 67-Jährige stolz. Er selbst hat keinen festen Zelt-ort, zählt auch die Jahre, die er in der Wüste verbracht hat, nicht mehr. Auf einem Areal von rund 300 Quadratkilometern führt er seine Kamelherde umher. "Manchmal kann ich ein ganzes Jahr an einer Stelle bleiben, manchmal auch nur drei Wochen oder wenige Tage", berichtet er. Seine jüngeren Söhne gehen in Hamid zur Schule. Einmal im Monat macht Ali sich zu Fuß auf den Weg in die Stadt, kauft auf dem Markt ein und besucht seine Familie. Die beiden ältesten Töchter haben vor kurzem geheiratet und ziehen noch nach alter Tradition mit ihren Männern durchs Land - zumindest solange sie noch keine Kinder haben. Alis Söhne hingegen werden wohl das Nomadenleben nicht weiter führen.
Gegen Touristen in der Sahara hat Ali nichts einzuwenden. Die Camps findet er sogar ganz amüsant. "Viele Touristen halten an, wenn sie mich in meinem Zelt sehen", fügt er schmunzelnd hinzu. Obwohl Ali selbst nicht viel zum Leben hat, setzt er dann einen schwarzen Tee mit viel Zucker auf und erzählt Geschichten aus einem langen Nomadenleben.
Vom Südabfall des Anti-Atlas geht es ostwärts weiter. In einer einfachen, aber sehr gastlichen Herberge erfrischen sich Reisende, bevor sie zur Speicherburg (in der Landessprache "Agadir) Id Aissa aufbrechen. Die Festung aus dem 12. Jahrhundert thront auf einem Felsen über dem weitläufigen Tal, das sich zum Dorf und der Oase Amtoudi hin verengt. Agadire wie Id Aissa gibt es in der Gegend häufiger. Sie halfen den Berbern, in der unwirtlichen und kaum fruchtbaren Landschaft ihr unabhängiges Leben zu wahren. Berber und Bauern aus dem Dorf brachten hier ihre Vorräte an Getreide, Hafer oder Hülsenfrüchten in Sicherheit. Im Notfall bot die wehrhafte Anlage auch vor unerwünschten Eindringlingen Schutz.
Auch heute noch hat einer der Alten und Weisen aus dem Dorf den Schlüssel zum Tor. Doch er fungiert nicht mehr als Verwalter, sondern als Touristenführer. Denn mittlerweile haben die Errungenschaften der Neuzeit auch in die Haushalte Einzug gehalten, der Speicher wird als solcher nicht mehr benötigt. Nicht immer sind diesen neue Techniken aber ein Segen: Wenn die Reisenden etwa über Plastikverpackungen stolpern, die der Wind kilometerweit in die Steppe weht, fragt man sich, ob der Segen nicht auch ein Fluch ist für die Sahara - dem Paradies mit Widerhaken.
Mannheimer Morgen
21. November 2009
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