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Der König von der Küste

Von Annika Wind

Im irischen Landstrich Donegal kann man Inselherrscher treffen und Gälisch lernen.

Küsten, so weit das Auge reicht: Von Bunbeg Harbour aus gibt es eine Fähre nach Tory Island ...

© aki

... auf dem König Patsy "regiert" ...

... und das er immer wieder auch in naiven Malereien festhält (Bilder: aki)

Gälisch brachte Sängerin Enya sogar in die Charts  (Bild: dpa)

© Berno Nix

Es war eine lange Nacht, damals im September 1993. Das gesamte Dorf hatte sich im "Social Club" auf Tory Island versammelt, um einen Nachfolger für ihren verstorbenen König zu finden. Danach war im Leben von Patsy Dan Rodgers vieles anders als zuvor und manches noch immer gleich: Die Inselbewohner hatten den Maler und Musiker zu ihrem Oberhaupt gewählt - ein Gehalt oder gar ein Schloss bekam er nicht. Und dennoch hätten sie wohl keinen besseren Herrscher finden können. Denn seitdem präsentiert sich König Patsy so publikumswirksam, wie es einem alten Mann auf einer winzigen irischen Insel im Atlantischen Ozean nur möglich ist.

Winziges Land, große Herzlichkeit

"Ich bin ein einfacher König", sagt der 68-Jährige, und man glaubt es ihm sofort. Sein Haus ist bescheiden und seine ein Kilometer breite und fünf Kilometer lange Insel so stark von Stürmen bedroht, dass auf ihr kein einziger Baum wächst. Tory hat einen Pub, megalithische Steingräber, Reste eines frühchristlichen Klosters, einen Leuchtturm und seltene Papageientaucher. Es gibt Urlauber, die genießen hier vor allem die Ruhe. Andere die Herzlichkeit der Bewohner, die Gälisch selbstverständlicher als Englisch sprechen. Vielleicht ist das die größte Attraktion in jenem nordwestlichen Teil von Irland, der Donegal heißt und zu dem auch Tory gehört: das Irische. In den "Gaeltacht-Gebieten" hat es sich erhalten - auch lange gegen den Willen der einst britischen Besatzer.

Empfehlenswerte Restaurants findet man hier: www.donegalgoodfoodtaverns.com. Auf der Seite gibt es auch Infos, wann wo Live-Musik in den jeweiligen Pubs gespielt wird. Besonders lohnt ein Besuch in Nancy's Bar in Ardara (Front Steet) - vor allem wegen der köstlichen Fischsuppe (genannt "chowder"). Mehr Infos zu Leo's Tavern im Internet unter: www.leostavern.com.

Anreise nach Tory: Mit der Fähre von Bunbeg aus (etwa 1,5 Stunden, Infos: www.toryislandferry.com). Anreise nach Aranmore: Mit der Fähre von Burtonport aus (circa 20 Minuten, www.arranmoreferry.com). Das irische Zugnetz ist nicht besonders gut ausgebaut - anders als das Busnetz (Fahrpläne und Tarife: www.buseireann.ie).

Weitere Infos, auch zu Unterkünften, in Irland gibt es im Internet unter www.discoverireland.com (auch auf Deutsch).

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Auf der weiter westlich gelegenen Insel Arranmore arbeitet Neil Gallagher hinter der Bar eines Pubs und erzählt von weit gereisten Touristen, die hier Sprachkurse besuchen. Den 75-Jährigen erfüllt das mit Stolz - und Verwunderung: Lange war das Gälische die Sprache der Armen, der Tagelöhner und Fischer. "Als ich zur Schule ging, gab es Prügel, wenn wir kein Englisch sprachen", sagt Neil. Heute wird Irisch an allen staatlichen Schulen unterrichtet und auch von der Europäischen Union als Amtssprache anerkannt.

Auf Arranmore hat man sich geradezu auf Sprachschüler spezialisiert. Die etwa 600 Menschen dort sind gut organisiert: In einer Art Kooperative betreiben sie ein Gemeinschaftshaus und gemütliche Ferienwohnungen, es gibt einen eigenen Fußballverein - und das soziale Netzwerk Facebook, über das Neuigkeiten ausgetauscht werden.

Auch auf Tory gibt es ein Hotel oder Bed & Breakfast-Unterkünfte. Für viele ist der Tourismus die einzige Einnahmequelle. Spanische Großreedereien haben den Fischern die Geschäfte kaputt gemacht. "Jemand müsste hier investieren", seufzt der König. Aber auch wenn sein Ehrenamt, das vor fünf Generationen als eine Art Bürgermeisterposten eingerichtet wurde, von keinem PR-Strategen besser erdacht sein könnte - seiner Insel fehlt eine Vision, keine Fabrik. Im Laden neben dem "Round Tower", dem Wahrzeichen der Insel aus dem 6. Jahrhundert, gibt es nur Nippes zu kaufen - Plastik-Leuchttürme statt traditioneller Waren. Viele der 140 Inselbewohner sind arbeitslos.

Es mag überspitzt klingen, aber mit Krisen kennen sich die Iren aus. Besetzung und Hungersnöte haben ihre Spuren hinterlassen. Aber die meisten leerstehenden Häuser, wie sie Heinrich Böll noch 1957 in seinem "Irischen Tagebuch" beschrieb, stammen aus dem 19. Jahrhundert. Zwar kehren viele durch die derzeitige Wirtschaftskrise der Insel wieder verstärkt den Rücken. "Aber die meisten kommen zurück", sagt der alte Neil auf Arranmore. Er selbst hatte lange in den USA gelebt, sich dort eine Existenz aufgebaut. Doch als ihn das Heimweh nicht verließ, sei er wieder auf ein Boot gestiegen - zurück zu seiner Insel.

Soundtrack zu "Herr der Ringe"

Im Landstrich Donegal gibt es für Reisende vor allem viel Natur zu entdecken. Kilometerlange Sandstrände, Steilklippen und Torfgebiete, die sanft hügelige Landschaft ist ideal für Wanderer und Radfahrer. Dazu hört man oft das kehlige, weiche Gälisch. Wie es gesungen klingt, erfährt man in "Leo's Tavern" in Meenaleck. Der gemütliche Pub liegt in der Nähe des Mount Errigal, eines Berges, den Enya oft besungen hat. Leo ist ihr Vater und der Pub der Ort, an dem sie groß wurde. "Bono von U2 war schon hier, es hat ihn aber erst niemand an der Bar erkannt", sagt Enyas Bruder Bartley Brennan und lacht. Die Goldenen Schallplatten seiner Schwester, die zuletzt durch den Soundtrack für "Herr der Ringe" in die Medien kam, wirken wie Wandschmuck - und wie keine Attitüde. Musik habe man in seiner Familie schon immer gemacht, sagt Bartley. Auf Gälisch? Natürlich. "Ich habe Englisch erst in der Schule gelernt".

Enya selbst hat das Gälische mit Hits wie "Sail away" oder "Only Time" sogar in die Charts gebracht. In ihren Musikvideos läuft sie oft über grüne Hügel, schroffe Steilküsten, tiefbraune Torffelder. Das mag manchem kitschig erscheinen. Andere wiederum empfinden die Kulisse als sehr real, fast schon bodenständig-schön - es sind Menschen, die Donegal bereits bereist haben.

© Mannheimer Morgen, Samstag, 11.08.2012
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