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Hirten, Herden, Höhenzüge

Von Adrienne Friedlaender

Wanderwege folgen den Pfaden der Bauern und Banditen durch das Supramonte-Gebirge, das auch als der "Geheime Berg" Sardiniens gilt.

Eine sagenhafte Fernsicht lässt Wanderer vom Gebirge des Supramonte auf Sardinien über das Mittelmeer blicken.

© Ffriedlaender

Ein Hauch von Thymian, Minze und Wachholder liegt in der Luft. Über den Berggipfeln des Supramonte geht rötlich schimmernd die Sonne auf. Ihr warmes Licht umhüllt die weißen Granitwände, die aus der Ferne wirken, als seien sie von Schnee bedeckt. "Kikeriki - Kikeriki" Ein einsamer Ruf zerreißt die Stille des Morgens.

Es ist aber keineswegs ein sardischer Hahn, der den neuen Morgen begrüßt. Es ist Giorgio Marras, der Ziegenhirte. In Jeans und löchrigen Schnürschuhen läuft er durch Thymianbüsche und über Geröll mit festem Schritt den Berg hinauf.

"Andiamo, andiamo!" ruft Giorgio. "Auf geht's!" Ungeduldig schwingt er seinen Hirtenstock. Es ist Zeit zum Melken. "Allez, allez!" Hinter Wachholderbüschen und Felsvorsprüngen springen die Ziegen hervor, bis das Gebimmel ihrer Halsketten zum Glockenkonzert anschwillt und sich alle 80 Ziegen um Giorgio versammelt haben. Dann zieht er mit seiner folgsamen Herde Richtung Stall.

Reisezeit: Herbst ist eine gute Zeit für Aktivsportler. Temperaturen bis 25 Grad.

Anreise: Flüge von Frankfurt nach Olbia ab 380 Euro.

Unterkunft: Hotel L'Oasi, Cala Gonone, Halbpension im Doppelzimmer pro Person ab 50 Euro, www.loasihotel.it, Tel. 0039-784-934 44.

Wandern: Gorropu, Franco Murru und Sandra Lietze, I-08040 Urzulei, Tel.: 0039-347-423 36 50, www.gorropu.com. Die 7-tägige Wanderreise Sardinien kostet 898 Euro (Gruppentransfer ab/bis Flughafen Olbia, sieben Nächte im DZ, Halbpension, ein Hirtenessen).

Zu buchen über: Natours Reisen, Untere Eschstr. 15, 49179 Ostercappeln, Tel. 05473-922 90, www.natours.de

Die meisten Urlauber kommen vor allem wegen des türkisfarbenen Meeres nach Sardinien, denn die zweitgrößte Insel im Mittelmeer hat 1800 Kilometer Küste zu bieten. Das wilde und ursprüngliche Hinterland mit seinen Hügeln und Wäldern, Hochebenen und Granitfelsen, ist hingegen vielen unbekannt. Dort aber schlägt das Herz der Insel. Und bei einer Wanderung auf den Spuren der Hirten und Banditen durch das Supramonte kommt man der Seele des kleinen Kontinents sehr nah.

Karge Berge, tiefe Schluchten

Das Supramonte-Gebirge gehört zu den größten Hochebenen Sardiniens und erstreckt sich entlang der mittleren Ostküste. Früher hieß es, wer im Supramonte unterwegs ist, ist mehr allein als an jedem anderen Ort. Darauf hofften die Untergetauchten und Banditen, die sich in den mehr als 1000 Höhlen des "Geheimen Berges" versteckten. In der Einsamkeit der kargen Berge und tiefen Schluchten waren auch die Hirten mit ihren Ziegen und Schafen unterwegs. Oft wochenlang, um ihre Hütten in den Steineichenwäldern zu erreichen.

Auch heute begegnet man in dem schwer überschaubaren Gebiet des "Geheimen Berges" nur selten einem Menschen. Der Weg führt durch die typischen tiefen Schluchten des Supramonte und einen dichten Dschungel von Steineichen, der sich in eine weite Hochebene öffnet.

Das Supramonte ist wild und unübersichtlich. Nur hie und da weisen ein paar aufgetürmte Steine die Richtung. Es ist daher unbedingt ratsam, sich mit einem ortskundigen Wanderführer auf den Weg zu machen. Seit zwölf Jahren lebt die zierliche Berliner Geografin Sandra Lietze als Wanderführerin auf Sardinien. Jeden Morgen holt sie ihre Gäste im beschaulichen Küstenort Cala Gonone zu Tageswanderungen ab. Von dem ehemaligen Fischerdorf führt die Fahrt über endlose Serpentinen ins Landesinnere.

Eine Wanderung im Supramonte ist eine Reise in die Vergangenheit: 1000 Jahre alte Steineichen, Millionen Jahre alte Gebirgs- und Tropfsteinhöhlen und 2000 Jahre alte Nuraghen - Steintürme und Burgen - der frühzeitlichen Sarden. Da erscheinen die pyramidenförmigen Steinhäuser der Hirten fast futuristisch. Aber auch diese sind seit vielen Jahrzehnten unbewohnt.

In den 70er Jahren haben die Hirten das Gebirge verlassen, denn die kleinen Herden reichten nicht zum Überleben. Die modernen Sarden arbeiten wie Giorgio als Teilzeithirten. Sie verdienen als Automechaniker, Forstarbeiter oder Briefträger ihren Lebensunterhalt und fahren nur noch zum Melken und Füttern zu ihren Ziegen, Schafen, und Schweinen, die frei in den Bergen leben. So sind viele der alten Hirtenwege inzwischen zweispurig geworden und werden, im Morgengrauen und bei Sonnenuntergang, zum Hirten-Highway. "Auch wenn die Herde kaum noch die Familie ernährt", erzählt Giorgio, "kann ich mir ein Leben ohne meine Ziegen nicht vorstellen. Tiere gehören zum Leben in den Bergen einfach dazu."

Vielsagende Wandmalereien

Zur Mittagszeit wird es noch ruhiger im ruhigen Hinterland. Im Örtchen Orgosolo geht eine alte Frau, traditionell in Schwarz gekleidet, gebückt die Straße entlang. Das Ortsschild von Orgosolo ist von Kugeln durchsiebt. Das passt zum Banditen-Mythos des Bergdorfs. Aber vielleicht haben sich auch nur ein paar Wildschweinjäger im Zielschießen geübt.

Geschossen wird in der ehemaligen Banditen-Hochburg sonst nur noch mit Kameras, und das meist auf die "Murales", die berühmten Malereien. Sie stellen sehr anschaulich dar, was die Orgolesi bedrückt: Die Gemälde auf der abblätternden Farbe der Häuser zeigen Bilder von Krieg und Korruption, Militär und Weltpolitik, aber neuerdings auch wieder folkloristisch verklärte Bilder von Hirten und ihren Herden in malerischer Berglandschaft.

Die Hirten sind die Könige des Hinterlandes, sagt man. Giorgio sieht das weniger romantisch. Er zieht die Augenbrauen hoch. "Früher zogen sie monatelang unter härtesten Bedingungen mit ihren Herden durch die Berge. Heute versorgen sie morgens und abends ihre Herden in den Bergen und arbeiten tagsüber teils als Straßenbauer. Was ist daran königlich?"

Giorgio schleppt den Eimer mit der Milch in die Garage, kippt sie in einen zerbeulten Blechtopf und entzündet das kleine Gasfeuer. Und bereitet wie schon sein Vater und Großvater nach eigenem Rezept den traditionellen Hirtenkäse zu. Der Hirte gibt seinen Ziegen zur Belohnung ein paar Handvoll Körner und entlässt sie zum Grasen in die Weite des Supramonte. Er lacht: "Meine Ziegen sind freier als ich."

© Mannheimer Morgen, Samstag, 20.10.2012
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