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Natürliches Schauspiel

Von Geraldine Friedrich

Bei winterlicher Kälte bilden Islands heiße Quellen und dampfende Fumarolen einen noch deutlicheren Kontrast zu ihrer Umgebung inmitten der Schneelandschaften.

Am Myvatn-See lässt sich besonders gut erkennen, wo die Trennungslinie zwischen der nordamerikanischen Kontinentalplatte und der europäischen verläuft.

© Friedrich

Bereits der Anflug entpuppt sich als Erdkundestunde. Glücklich sind diejenigen, die einen Fensterplatz in Flugrichtung rechts erwischt haben. Etwa eine halbe Stunde vor der Landung in Reykjavik zeigt sich der schneebedeckte Südosten mit seinen konisch geformten Vulkanen. Städte? Straßen? Menschen? Die weiße Weite ist verlassen. Island hat mit seinen 319 575 Einwohnern fast so viele wie Mannheim, ist dafür aber mit 100 000 Quadratkilometern 70 Mal so groß. Von oben erinnert die Winterwüste an eine süße Torte, deren oberste Schicht aus gezuckerten Eischnee-Häubchen besteht.

Mit Schneeregen und Glatteis empfängt "Eisland" - nichts anderes heißt Island übersetzt - seine Ankommenden auf dem Boden. Die Wintertage auf der Insel, die nur knapp südlich des Polarkreises liegt und deren nächster Nachbar das dänische Grönland ist, beginnen gegen 11 Uhr, ab 14 Uhr dämmert es bereits wieder. Es ist Samstag in Reykjavik, und viele Städter verbringen diesen Winterabend in der Bar des Reykjavik Marina, eines Hotels, welches sich mit seinem Retro-Look an ein urbanes lässiges Publikum richtet: Die Schlangen sind lang, es ist Happy Hour. Menschen sitzen mit Cocktails auf Sesseln, eine Mutter stillt ihr Baby neben dem offenen Feuer.

Neben bunten Tapeten und knallorangefarbenen runden Glaslampen hält das Haus weitere Design-Nettigkeiten parat. Eine Wand des Hotelzimmers zeigt über dem Doppelbett eine überdimensionale topographische Islandkarte, sie eignet sich durchaus für eine erste Routenplanung. Außenwand und Spülkasten zieren flotte Sprüche à la "Schöne Aussicht - was?" oder "Das Bad ist zwar etwas klein, aber wir wollen nicht vom Wesentlichen ablenken". Auf dem Balkon hängt ein Rettungsreifen am Geländer.

Tipps und Adressen

Info: www.visiticeland.com; Myvatn Nature Baths: www.jardbodin.is

Flug: Frankfurt-Reykjavik mit Iceland Air ab rund 830 Euro

Unterkunft: In Reykjavik das Reykjavik Marina (DZ/F ab etwa 100 Euro), in Akureyri das Iceland Air Hotel Akureyri. Mehr unter: icelandairhotels.com/hotels

Literatur: Jens Willhardt und Christine Sadler, "Reiseführer Island", Michael Müller Verlag, 732 S., 2012, 24,90 Euro

Kurztrips im Trend

In den vergangenen Jahren sind Kurztrips nach Reykjavik schick geworden. Es locken Bars und Restaurants, die Blaue Laguna in unmittelbarer Nähe des Flughafens und das Goldene Dreieck, eine Region nah bei der Hauptstadt, die einige von Islands wichtigen Sehenswürdigkeiten vereint, etwa den Großen Geysir. Das isländische Wort gjsa bedeutet übrigens hervorsprudeln.

Die Isländer mit ihrem Hang zur Lässigkeit erinnern an die Mentalität der Skandinavier - was nicht überrascht, denn Isländer sind Nachfahren ausgewanderter Norweger, Schweden und Kelten. Die schroffe, fast baumlose Landschaft mit ihren Wasserfällen, Vulkanen und Fumarolen, aus denen Dampf austritt, begeistert Naturfreunde. Wer hierherkommt, lernt Geologie - ob er will oder nicht.

Im Norden der Insel rund um Akureyri ist das Land weniger bewohnt als im - für isländische Verhältnisse - dicht besiedelten Südwesten. Inmitten der weißen Winterlandschaft treten aus den drei eng beieinanderliegenden Fumarolen Hverir, die direkt an der Ringstraße nur fünf Kilometer östlich von dem Dorf Reykjahl liegen, grau-dampfende Rauchsäulen. Vor dem orangefarbenen Horizont der untergehenden Sonne sehen sie aus wie ein biblisches Inferno. Kurze Zeit später in der Nähe des Myvatn-Sees ist der Blick von einem vielleicht drei Meter hohen Hügel in eine zwei Meter tiefe Erdspalte ein Muss, denn genau diese Spalte trennt Nordamerika von Europa.

Trennende Erdspalte

Der theoretische Begriff der Plattentektonik wird exakt an diesem Punkt auf faszinierende Art sichtbar: Jedes Jahr driften West- und Ostisland zwei Zentimeter auseinander. Dass das Land nicht auseinanderbricht, liegt einzig an einem Aufstrom, einem sogenannten Plume, unterhalb der Insel. Dieser Island-Plume bringt immer wieder neues Gestein an die Erdoberfläche, Island wächst also aus der Mitte in die Breite. Direkt unterhalb dieser Erdspalte befindet sich ein 30 Kilometer langes Höhlensystem namens Grjotagj samt einem kleinen See, in dem Isländer und Touristen seit dem 18. Jahrhundert in 45 Grad warmem Wasser baden.

Von den 1970er Jahren bis 2004 war das Baden dort allerdings verboten, da die Temperatur aufgrund geothermaler Aktivität bis zu 60 Grad gestiegen war. Wer erinnert sich in solchen Momenten nicht an die Szene aus dem US-Katastrophenfilm "Dante's Peak" über einen Vulkanausbruch, in der zwei Jugendliche in plötzlich aufkochendem Wasser verenden? Dieser Film sei wahnsinnig schlecht und die Szene unrealistisch, schimpft Sigurdur Erlingsson, 35, der über die Insel führt. Und wie um dies zu bestätigen, nimmt er später mit einer Gruppe Deutscher ein Bad in den Myvatn Nature Baths, eines von 170 Thermalbädern Islands, die durch natürliche heiße Quellen gespeist werden. Alle überleben - dank Lavaschlamm sogar mit samtweicher Haut.

Mit Spikes auf den Reifen brettert es sich gut über die vereisten Straßen. Plötzlich fährt Erlingsson rechts ran: Er zeigt auf ein Nordlicht am Himmel, allerdings nur ein schwaches und überhaupt nicht poppig grünes. Je länger man in den Nachthimmel blickt, desto deutlicher wird es zwar, grün ist es allerdings nie. Lichttechnisch spektakulärer präsentiert sich eine Besonderheit, die nur im Winter zu sehen ist: Islands Friedhöfe, denn Isländer ehren ihre Toten mit beleuchteten Kreuzen.

© Mannheimer Morgen, Samstag, 02.02.2013
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