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Neuschwanstein ohne Zauber

Von Yasmin Akbal

Ein Besuch im Schloss des bayerischen Königs Ludwig II. ist von Anfang bis Ende streng durchorganisiert und insgesamt wenig märchenhaft.

Viele Türmchen und eine Lage inmitten der Allgäuer Berge haben das Märchenschloss König Ludwigs II. von Bayern berühmt gemacht.

© dpa

Oben gibt die Aussicht das Tal, Seen und grüne Wiesen frei.

© ya

Pferdekutschen bringen die Touristen hoch zum Schloss.

© ya

Er hatte davon nicht viel: Ludwig II. starb vor der Vollendung.

© dpa

Der Blick in den Innenhof von Neuschwanstein.

© ya

Ob das König Ludwig gefallen hätte? In Hohenschwangau im Allgäu fahren Autokolonnen durch die Straßen, bahnen sich Hunderte Besucher ihren Weg. Mit Rucksäcken auf den Schultern und Fotoapparaten vor der Brust stampfen sie den kleinen Hang vom Parkplatz zum Ticket-Center hinauf.

Vorbei geht es an Geschäften, die Andenken jenes Mannes verkaufen, auf den die Bayern noch heute besonders stolz sind, obwohl er das Land unter anderem mit dem Bau zahlreicher Prunkschlösser an den Rand des Ruins getrieben hat: Ludwig II. Das wohl bekannteste Erbe des bayerischen Königs ist auf Bierhumpen, Postern und Tellern verewigt: Neuschwanstein.

Zwischen Felsen und dunkelgrünen Wäldern thront eines der Wahrzeichen Deutschlands hoch über der Stadt. Die einmalige Architektur und die idyllische Lage am Alpenrand haben das Gebäude weltberühmt gemacht. 1869 hatte der bayerische König Neuschwanstein in Auftrag gegeben. Als er 1886 starb, war der Bau noch immer nicht vollendet. Kein Außenstehender sollte das Anwesen je betreten dürfen. "Ein ewiges Rätsel will ich bleiben mir und anderen", soll Ludwig einst geschrieben haben. Doch wenige Wochen nach seinem Tod strömten die ersten Besucher durch die Hallen.

Lage: Das Schloss Neuschwanstein liegt im Allgäu in der Nähe der Gemeinde Schwangau und der Stadt Füssen.

Anfahrt: Letzte Parkmöglichkeit und Ausgangspunkt für den Weg zum Schloss ist Hohenschwangau.

Renovierung: Seit Herbst 2001 wird die gesamte Außenfassade saniert. Steine werden gereinigt, defekte Fugen repariert. Teile des Schlosskomplexes sind daher immer wieder in Planen eingehüllt. 2013 soll die Renovierung abgeschlossen sein.

Eintritt: Zwölf Euro, ermäßigt elf Euro. Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre Eintritt frei. Wer lange Wartezeiten vermeiden will, sollte die Karten vorab reservieren. Eintrittskarten sind im Ticket-Center Hohenschwangau erhältlich. Weitere Infos im Internet unter: www.neuschwanstein.de. ya

Touristen aus aller Welt

Seitdem hat das Interesse an dem als geisteskrank entmündigten König kaum nachgelassen. Asiaten, Amerikaner, Russen, Italiener oder Franzosen - das weiße Bauwerk mit den vielen Türmchen lockt an Spitzentagen bis zu 8000 Menschen aus aller Welt an.

Die Warteschlange für Eintrittskarten kann dementsprechend lang sein. Ein Leitsystem mit Absperrungen soll die Touristenmassen ordnen und gibt schon mal einen Vorgeschmack auf die durchorganisierte Tour, die noch kommen wird.

Wer endlich ein Ticket erstanden hat, gelangt zu dem auf einem Berg gelegenen Schloss per Bus, stilecht mit der Kutsche oder zu Fuß. Zwei Tiere ziehen die Wagen mit bis zu zwölf Passagieren nur langsam, viele laufen deshalb den etwa 20-minütigen Weg durch den Wald. Ohnehin entschädigt oben die Aussicht alle Strapazen. Der Blick erstreckt sich über Wiesen, Tannenwälder, kleine Dörfer und Seen. Und noch einmal kann hier durch Souvenirs, Tischsets, Magneten und Postkarten gewühlt werden.

Stau beim Einlass

Im Innenhof ist dann das Gedränge groß. Menschen warten ungeduldig auf Einlass. Kichernd und knicksend posiert eine Gruppe junger Amerikanerinnen mit Plastik-Tiaras auf den Köpfen vor den Toren.

Eine digitale Anzeigetafel zeigt die Nummern der nächsten Führungen an, für die Besucher im Fünf-Minuten-Takt durch Drehkreuze ins Schloss geschleust werden. Viele Senioren scheitern an der modernen Technik und verursachen einen kleinen Stau. Welche Seite der Karte muss in das elektronische Lesegerät geschoben werden? Alle drängen ins Innere.

Dabei sind nur wenige Räume für die Öffentlichkeit zugänglich - etwa das holzgetäfelte Schlafzimmer des Königs, an dem 14 Holzschnitzer viereinhalb Jahre lang gearbeitet haben sollen, oder der Thronsaal. Dieser ist an Prunk nur schwer zu überbieten. An den Wänden werden zwischen Palmen heiliggesprochene Könige verherrlicht, darüber wachen Jesus und Engel. Jede freie Stelle Wand oder Decke scheint mit Malereien verziert, alles erstrahlt in Gold, Rot und Blau - Prunk von der Decke bis zum Fußboden.

Den aus zwei Millionen Mosaiksteinen bestehenden Marmorboden schützt eine Plexiglasplatte vor den Schuhen der Touristen. Über ihren Köpfen hängt ein überdimensionaler Kronleuchter, der aus zwei Kronen besteht. Etwa drei bis vier Sätze erläutern die Schlossmitarbeiter während der Führungen zu den einzelnen Räumen, dann geht es weiter.

Entscheidend geprägt haben sollen den Märchenkönig die Musikwerke Richard Wagners. Eine kleine künstliche Grotte mit Beleuchtung ist an die Oper "Tannhäuser" angelehnt. In weiteren Räumen zeigen Wandmalereien unter anderem Szenen aus "Lohengrin" oder den "Parsifal"-Zauberwald. Motive sind germanische und nordische Sagen, Reiter, Drachenkämpfe und immer wieder der Schwan. Beeindruckend, wenn auch kitschig - aber Fotoaufnahmen sind im Gebäude nicht erlaubt. Doch viel Zeit, die Räume wirken zu lassen, um später den Zuhausegebliebenen davon erzählen zu können, bleibt auch nicht. Schon drängt die nächste Gruppe Touristen ins Innere, blicken die Schlossmitarbeiter ungeduldig. Wer ein Andenken will, muss dies in der Souvenir-Abteilung erwerben.

Nach nicht einmal einer halben Stunde ist der geführte Rundgang auch schon zu Ende. Durch die Schlossküche führt der Weg ins Freie. Ein Rätsel bleibt Ludwig seinen Gästen allemal, zu wenig haben sie über ihn erfahren dürfen. Ein bisschen entzaubernd.

© Mannheimer Morgen, Samstag, 22.09.2012
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