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Seltsame Onkel, heiße Teufel

Von Dirk Engelhardt

In Katalonien verrät eine Reihe illustrer Weihnachtsbräuche, dass Humor und Ironie vor dem Fest nicht haltmachen.

Wer den Weihnachtsmarkt in Barcelona besucht, muss auf Glühwein, Lebkuchen, Mandeln, ja überhaupt auf Essen und Trinken verzichten. Die Stände auf dem Platz vor der Kathedrale bieten alle nur eines: Krippendekoration!

Zum einen deshalb, weil man in Katalonien viel Wert auf eine hübsch gestaltete Krippe legt, zum anderen ist der Verkauf von Essen und Trinken auf öffentlichen Plätzen generell untersagt. Dafür blickt man auf jede Menge nackter Popos - die der "Caganers" nämlich, der "kleinen Scheißer".

Der "Caganer" darf in keiner katalanischen Weihnachtskrippe fehlen, oft hockt er auf dem Dach des Stalles mit dem Jesuskind, so dass seine Hinterlassenschaften schön tief plumpsen. Der "Caganer" wird nach den verschiedensten Geschmäckern modelliert. Das kann ein bärtiger Katalane mit Barretina, der typischen Mütze, und blau-rotem Hemd sein; es kann ein Präsident wie Barack Obama, Artur Mas oder eine Kanzlerin wie Angela Merkel sein, ein Fußballspieler des FC Barcelona, oder sogar der Papst. Wichtig ist nur die heruntergezogene Hose oder der gelüpfte Rock.

Beliebt ist natürlich die spanische Monarchie im Madrider Königspalast - so gibt es Prinzessin Letizia ganz in Weiß, mit einem ordentlich gekringelten braunen Haufen unter dem Po.

Wunsch nach guter Ernte

Hinter dem "Caganer" steht der Stolz der Katalanen, die nicht gewillt sind, sich einer fremden Macht zu beugen. Es gibt noch eine andere Erklärung für derlei Posen: Die katalanischen Bauern düngen zur Weihnachtszeit nach alter Tradition ihren Acker, damit die Ernte im neuen Jahr gut ausfällt.

Außerdem steht der "Caganer" für einen gesunden und ausgeglichenen Körper - zu Weihnachten wird viel und gut gegessen, und dementsprechend viel . . . Dazu passt der Spruch "Menja bé, caga fort i no tinguis por a la mort!" Zu Deutsch: "Iss gut, kacke kräftig und fürchte dich nicht vor dem Tod."

Kinder haben es besser in Katalonien, denn sie werden gleich zweimal beschenkt: einmal zu Weihnachten, und dann noch einmal am 6. Januar zum Dreikönigsfest - schließlich brachten die Heiligen Drei Könige dem Jesuskind die Geschenke mit. An Weihnachten "häuft" der "Cagatío" (der "Kacka-Onkel") die Geschenke. Der "Cagatío" ist ein stämmiger Holzklotz, der in Form eines Weihnachtsmanns angemalt ist und der oft sogar eine rote Mütze anhat.

Seit dem 8. Dezember, dem Tag Mariä Empfängnis, muss der "Cagatío" von den Kindern gut mit Brot und Äpfeln ernährt werden, damit er an Weihnachten ordentlich etwas im Darm hat. Damit er sich nicht erkältet, wird er außerdem mit einer Decke zugedeckt. Am Weihnachtsabend müssen die Kinder mit Stöcken kräftig auf ihn eindreschen und das Cagato-Lied singen ("Kacke, Tío, pinkle Weißwein zum Weihnachtsfest"), damit er die Geschenke "heraus(d)rückt".

Tanzende Feuerteufel

Nach der Prozedur wird das Tuch entfernt, und tatsächlich - fast immer hat der "Cagatío" sich hübsch verpackter Geschenkschachteln entleert.

Ein weiteres beliebtes Weihnachtslied ist "El Cant dels Aucells". Darin besingen mehr als 30 kleine und große Vögel die Geburt Christi. Es ist in Moll verfasst und nicht ganz einfach zu singen, da es sehr tiefe und sehr hohe Töne hat. Einfacher ist "fum fum fum", ein Lied, das aus dem 16. Jahrhundert stammt und so viel wie Rauch bedeutet, der aus einem Schornstein hochsteigt. Die Melodie ähnelt der Sardana, dem typischen katalanischen Volkstanz, der im Kreise getanzt wird.

Im kalten Januar wartet ein weiterer vergnüglicher Brauch auf die Kinder in Katalonien und Mallorca: Dann ist die Zeit der "Correfoc", der tanzenden Feuerteufel, gekommen. Man versammelt sich auf dem Dorfplatz, als Teufel verkleidet, und tanzt ekstatisch zum Klang der Trommel und der Gralla, einer schrillen Flöte. Dann startet die Parade, bei der oft - echtes - Feuer speiende Drachen mit dabei sind, und natürlich die "Correfoc", spezielle Gestelle, auf die Feuerfontänen und Knaller montiert sind. In den engen Gassen der mittelalterlichen Dörfer, die in kurzer Zeit völlig mit Qualm verhüllt sind, ist diese Szenerie der tanzenden Feuerteufel natürlich am eindrucksvollsten.

© Mannheimer Morgen, Samstag, 15.12.2012
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