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Mittwoch, 23.05.2012

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Karibik hinter der Kulisse

Zu Gast bei Familien, in Casas Particulares, bekommen Touristen Einblick in den Alltag der Kubaner. Von Sarah Weik

Das Haus von Familie Isidro in Viñales ist klein. Sehr klein. Fünf Personen teilen sich hier Wohnzimmer, Küche, zwei Schlafzimmer und eine Rumpelkammer, in die gerade so ein Bett passt. Doch in der Hauptsaison rückt die Familie noch ein Stückchen enger zusammen. Dann wird das zweite Schlafzimmer freigeräumt. Für Touristen, für die Devisen, die sie ins Haus bringen. Es ist das größte Zimmer, mit der modernsten Klimaanlage und dem größten Kühlschrank. Wer bei den Isidros übernachtet, bekommt nicht nur ein Bett, Frühstück und Abendessen - sondern gleich eine ganze Familie dazu.

Einweisung in Kubas Lebensart

Denys, die Mutter, weiht die Gäste in die wirren Konstellationen der aktuellen Telenovela ein. Roberto, der Sohn, führt stolz seinen Kampfhahn vor und zeigt, wie der Sporn geschärft wird. Papito, der Vater, reicht einen Cuba Libre und lädt ein, auf der Veranda im Schaukelstuhl das Treiben auf Viñales staubigen Straßen zu beobachten. Ein Crashkurs in kubanischer Lebensart.

"Wir kämpfen jedes Jahr um die Lizenz", erzählt Papito. Der Schaukelstuhl knarzt dazu. Die Erlaubnis, Ausländer zu beherbergen, ist teuer. Zu teuer für die meisten Kubaner. Doch wer sie bekommt, erkauft sich damit auch den Zugang zu den begehrten Devisen. Papito deutet auf den blauen Anker an seiner Hauswand, das Zeichen für ein offizielles Casa Particular. "Der hat unser Leben um einiges angenehmer gemacht." Selbst wenn es bedeutet, zu fünft in zwei Betten zu schlafen.

Der Kolonialbau von Familie Sotorongo in Baracoa fällt auf. Frisch renoviert leuchtet er in zwei verschiedenen Blautönen zwischen Häusern, an denen die Zeit und die salzige Meeresluft nagen. Auch innen dominieren karibische Farben, die Räume sind luftig, hell und großzügig. Die Familie vermietet gleich zwei Zimmer. Und lebt gut davon.

José spricht Englisch. Er würde sich nie trauen, die Sätze, die er jetzt sagt, auf Spanisch zu sagen. Aus Angst vor Zuhörern. Nur in der fremden Sprache fühlt er sich sicher genug, um Kritik zu äußern. José ist ein Freund der Familie Sotorongo. Ihre Gäste führt er durch den nahen "Alexander von Humboldt"-Nationalpark. Er erzählt, dass er Baracoa gern verlassen würde. Doch er bekommt keine Genehmigung. "Selbst innerhalb Kubas können wir uns nicht frei bewegen", sagt er. Seine Stimme klingt bitter. Viele Stellen für Akademiker werden zentral vergeben. José hat studiert, ist Lehrer. Doch dafür bekommt er hier nur einen Hungerlohn, Geld verdient er mit Touristen.

Es ist kurz vor zehn Uhr abends. Der Parque Independencia, der Dorfplatz von Baracoa, füllt sich langsam. Alte, Bettler, die Dorfjugend - ganz Baracoa trifft sich hier. Rafael, der Sohn des Hauses, wirft sich in Schale. Bevor der 15-Jährige das Haus verlässt, zupft er noch mal sein "Ed Hardy"-T-Shirt zurecht. "Das ist echt!", betont er. Die Anderen hätten meist nur billige Kopien. 70 Euro kostet ein T-Shirt der Kollektion von Ed Hardy. Mindestens. Fünf Monate muss ein Kubaner dafür arbeiten. Ohne die Devisen der Touristen und der Verwandtschaft aus Miami wäre der Preis auch für Familie Sotorongo utopisch. Doch ob echt oder nicht - die halbe Dorfjugend trägt Ed Hardy. In ist, was aus den Vereinigten Staaten kommt.

Suza lacht und zieht die Schultern nach oben. Die Faszination der kubanischen Jugend kann sie nicht nachvollziehen. Sie ist US-Amerikanerin und lebt seit Jahren in Havanna. Trotz allem hält sie Kuba für authentischer als ihr Heimatland. Dennoch - einmal im Jahr flüchtet auch sie. Vor dem akuten Mangel an Toilettenpapier, der ewigen Suche nach bezahlbarem Shampoo und den allgegenwärtigen Bohnen mit Reis. Dann packt sie ihre Koffer und fährt nach Varadero. Für eine Woche gönnt sie sich das Rundum-Sorglos-Paket der Sterne-Ressorts. Sie macht in Kuba Urlaub von Kuba. Im Kuba der Reisebüros. "Das tut so gut!", sagt Suza und lacht laut.

Nur noch eine halbe Stunde bis zum Latin Grammy und immer noch rauscht das Bild. Ery und Hector stehen in ihrer kleinen Wohnung in Havanna und starren auf den Bildschirm. Das kubanische Fernsehen überträgt den Musikpreis nicht, also müssen andere Quellen angezapft werden. Irgendwann hat Ery genug. Mit der flachen Hand schlägt er auf den Fernseher. Es tut sich nichts. Er lässt sich mit einem Seufzer auf das Sofa plumpsen. Vor einigen Stunden hat bereits der Computer gestreikt. Ausgerechnet in der halben Stunde am Tag, in der sie Internet haben. Illegal natürlich. Für 30 Minuten öffnet sich die Tür zur Welt einen Spaltbreit, und der Computer zeigt nur eine schwarze Fläche mit grün blinkenden Buchstaben.

Endlich hat Hector die Antenne auf dem Fernseher richtig ausbalanciert. Über den Bildschirm flimmert Werbung. Autos, Handyverträge, Parfüm. Nichts davon gibt es in Kuba zu kaufen. Doch Ery und Hector strahlen.

© Mannheimer Morgen, Samstag, 28.08.2010

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    Quelle: Deutsche Bank / Realtime Indikation

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