Umzug:
Rund 100 000 Besucher sehen zu, wie der bunte Lindwurm durch die Hauptstraße zieht
Kleine Narren sammeln Gutsel
Von unserer Mitarbeiterin Victoria Caillet
Schon die Kleinsten haben sich für den großen Fasnachtsumzug narrenmäßig ausstaffiert - insgesamt zogen 65 Nummern durch die Innenstadt
© Rothe
Schon 30 Minuten vor Umzugsbeginn stehen Simon (9) und sein Freund Semi (10) erwartungsvoll vor der Tribüne am Bunsendenkmal und schauen angestrengt in Richtung Bismarckplatz. Der 164. Heidelberger Fastnachtsumzug mit 65 Nummern soll endlich losgehen!
Die Hauptstraße füllt sich langsam. Neben Bratwurst, Brezeln und Bier sorgen Lautsprecher mit Klassikern für karnevalsträchtige Stimmung. Fröhlich geht es bei Jochen Pfisterer samt Familie und Freunden zu. Jedes Jahr treffen sie sich alle - immer an der gleichen Stelle. Der Nachwuchs ist voll ausgerüstet: Vesper, Kinderpunsch und Sammeltüten. Die Eltern haben an alles gedacht. Der Jagd auf Bonbons und Lollis steht nichts mehr im Weg.
Kühe und Schlafmützen unterwegs
Ob Kuh oder Schlafmütze, am Faschingsdienstag sind alle Gestalten in der Hauptstraße willkommen. Über die Stimmung ist Gisela Lohrentz mit ihrem kleinen Enkel begeistert: "Wenigstens schaffen's auch die Heidelberger ein Mal im Jahr ,a bissel' aus sich rauszugehen. S' gibt doch nichts Besseres als Guggamusik." Die ersten Jeckinnen überdenken ob des eisigen Windes die Wahl ihres Fasnachtskostüms. Vielleicht hätte man statt der schreienden pinken Leggins lieber Skihose, Mütze und Jacke übergeworfen. Aber an einem Tag, der so wunderschön ist, lässt sich von der Kälte absehen. "Es gibt Wundermittel wie warme Unterhosen, Mützen, Handschuhe, Kaffee, Bewegung und Singen", meint Jeckin Brigitte Höfert.
Über das Wetter freut sich auch der mit Orden und Mützchen gezierte Oberbürgermeister Eckart Würzner: "Die Stimmung ist unglaublich und die Mühe der Aktiven kann endlich gewürdigt werden. Schön, dass der blaue Himmel seinen Beitrag dazu leistet. Derweil sind auch Oma und Opa des neunjährigen Simon eingetroffen. Doch während die Großen langsam auf die Uhr schauen, sind die bunt geschmückten Köpfchen der Kleinen noch immer mit eiserner Disziplin Richtung Bismarckplatz gewandt, wo der Umzug traditionell um 14.11 Uhr startet. Jetzt könnte es langsam losgehen.
Dann kommt alles ganz schnell. Ein Lautsprecher krächzt. Die Stimme geht neben der laut trällernden Musik unter. Die Ziegelhäuser Hexen mit ihren riesigen, furchteinflößenden Holzmasken und ihren markdurchdringenden Rätschen ziehen vorbei, holen einen ahnungslosen Tiger aus der Menge und fesseln ihn mit Tesafilm. Viele Blicke zieht auch der ringsherum mit Blumen geschmückte Wagen des Turnerbundes 1909 Dilsberg auf sich, der von seinem Musikzug in feschen roten Uniformen begleitet wird.
Konfettiregen der "Felsteufel"
Gut kommt auch die yetimäßige Ratz fatz Musikgruppe bei den rund 100 000 Zuschauern an, die ein jedes Guggenherz höher schlagen lässt. Ein paar Kinder sind allerdings frustriert: "Die schmeißen alles hoch zu den Leuten mit den komischen Mützen auf der Tribüne. Die müssen die Bonbons zu uns schmeißen nach unten", sagen sie.
Doch Simon und Semi haben ihre Tüten schon gut gefüllt und Oma und Opa denken an früher: "Da war an jeder Ecke Musik, jedes Geschäft geschlossen und aus den Fenstern regnete es Luftschlangen. Heute sind die Leute geschäftiger - ein schnelles Bussi, dann ist der Spuk wieder vorbei." Eins bleibt zumindest noch ein Weilchen: die gefühlten zehn Tonnen Konfetti, die die Felsenteufel großzügig über Nacken, Häupter und Hauptstraße verteilten.
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