Inna Hartwich
Kasimir Malewitsch hatte mit dem Bauhaus-Gedanken wenig zu tun. Und doch hat sich der ukrainische Avantgardist hier eingeschlichen, hat sich Zugang verschafft, unauffällig Platz genommen auf 45 Quadratmetern Wohnfläche. Mit Quadraten konnte Malewitsch ja ohnehin gut. Am Rande von Karlsruhe ist allerdings nicht sein berühmtes "Schwarzes Quadrat" zu sehen, sondern eher ein kleines graues auf grauem Grund. Ein orangefarbenes findet sich auch. Auf orangefarbener Wand - am Ende des Laubengangs dieses viergeschossigen Hauses in der Dammerstockstraße, einer Straße, deren Name für eine ganze Siedlung steht. Und die ab 26. September mit verschiedenen Aktionen den 80. Geburtstag feiert.
Konsequenter Zeilenbau
Bis heute hat sich die alte Bausubstanz erhalten. 1929 ließ der Bauhaus-Meister Walter Gropius auf einem 14 Hektar großen Brachgelände eine Mustersiedlung entstehen: als einheitliches Wohnviertel in konsequenter Zeilenbauweise. Und Georg Matzka, ein Architekt aus Ettlingen, brachte vor zehn Jahren den Geist Malewitschs in die kleine Wohnung mit dem kakaobraunen Linoleumboden. Beim Renovieren stieß er auf den alten Anstrich und ließ ihn in kleinen Quadraten überleben. Das Erbe des Umbruchgedankens, des Bauens in den 20er Jahren, will Matzka bewahren. Und schafft es mit so kleinen Details wie dem ursprünglichen Terrazzo-Boden im blau gestrichenen Windfang, dem verspiegelten Guckloch in der Tür, den Bauhaus-Türklinken und Türschildern, dem Hasendrahtzaun und der alten weißen Markise auf dem Balkon. Selbst die Lichtschalter katapultieren einen in die Zeit vor 80 Jahren. Ein Museum ist die Wohnung dennoch nicht, ein Kinderbettchen steht an der hellblauen Wand, ein Computer versteckt sich im orange gestrichenen Wohnzimmer. Die als "Gebrauchswohnung" geplanten zwei Zimmer, Küche, Bad sind weiterhin in Benutzung.
Im Juli 1928 schreibt Karlsruhe einen Wettbewerb aus - und macht dabei klare Angaben: Wohnungen für große Massen der Bevölkerung sollen die Baumeister entwerfen, "Konstruktion und Form sollen nicht Selbstzweck, sondern Mittel sein", heißt es in den Unterlagen. Drei Typen sind vorgesehen, 45, 57 und 70 Quadratmeter groß, eine Küche darf die sechs Quadratmeter nicht überschreiten, auch Raum für Gruppen-, Doppel- und Einzelhäuser soll bedacht werden. Neben ansässigen Architekten lädt die Stadt acht auswärtige zum Wettbewerb ein, darunter Walter Gropius, Otto Haesler, J.J.P. Oud und Richard Döcker - 1927 waren sie bereits Bauleiter der Weißenhof-Versuchssiedlung in Stuttgart. Experimente duldet Karlsruhe allerdings nicht, der Gebrauch der Wohnungen steht an erster Stelle.
Gropius - zu dem Zeitpunkt hat er den Posten als Bauhaus-Direktor in Dessau an Hannes Meyer übergeben - überzeugt die Stadtherren und legt als künstlerischer Leiter stilbildende Kriterien fest: "Gleich große Fensterelemente, flaches Dach, gleiche Gesimslösung, weißer Fassaden-Putz, graue Sockel und glatte Türen in Eisenrahmen". In nur neun Monaten erheben sich 228 Wohnungen in drei verschiedenen Wohnungstypen auf dem Dammerstock-Baugelände. Im Oktober öffnet die Ausstellung "Die Gebrauchswohnung" ihre Türen, als Anreiz für potenzielle Mieter und als Präsentation des Entwurfsgedankens der Bauhäusler. Der Eröffnungspavillon von damals steht seit 2006 wieder als Eingang zur Siedlung, wenn auch ein ursprünglich hölzernes Teil durch eines aus Glas ersetzt wurde. Darin: die Gewinnermodelle und die vom Dada-Künstler Kurt Schwitters gestaltete Eintrittskarten. Extra für die Siedlung entworfene Möbel sind heute allerdings kaum noch zu finden. "Jammerstock" nennen die Karlsruher anfangs die neue Siedlung, lernen jedoch schnell den Komfort von hellen Räumen, eines Bades und der eingebauten Heizung zu schätzen. Doch die Bauphase stockt. Dem funktionellen Bauen schieben die Nationalsozialisten 1933 schließlich einen Riegel vor, Flachdachhäuser werden ab 1934 im Dammerstock nicht mehr geduldet. In der Heidelberger Straße und Rechts der Alb ragen auch heute noch Satteldächer in die Luft, wenn sich auch hie und da die formalen Vorgaben Gropius' zeigen. Unauffällig schleichen sie sich ein, fast so wie der Geist Kasimir Malewitschs in die Zweizimmerwohnung am Ende des Laubengangs in der Dammerstockstraße.
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