Christian Hoffmann
Worms. Michael Jacksons Album "Thriller" gilt als meistverkaufte Platte der Pop-Geschichte. Seit der Veröffentlichung 1982 verteilte sich die Scheibe ungefähr 109 Millionen Mal in allen Winkeln der Erde. Doch wer hätte gedacht, dass sich die musikalische Spur von "Thriller" nach Worms zurückverfolgen lässt? Der Komponist Rod Temperton, der unter anderem den gleichnamigen Titelsong des Albums schrieb, lebte in den 1970er Jahren in der Nibelungen-Stadt.
Über eine Anzeige in einer Zeitschrift hatte der Wormser Szene-Musiker Bernd Springer 1972 nach einem Keyboarder für eine neue Band gesucht. Daraufhin meldete sich Rod Temperton bei ihm. Der englische Musiker war aus Manchester nach Deutschland in der Hoffnung übergesiedelt, in der Bundesrepublik als Berufsmusiker mehr Geld verdienen zu können. "Der Rod war ein ruhiger Mensch", erinnert sich Springers Ehefrau Doris. "Dankbar und gutmütig."
Die Chemie stimmte, weshalb Gitarrist Springer und Keyboarder Temperton die Soul-Cover-Band "Sundown Carousel" gründeten, mit der sie durch Clubs und G.I.-Kneipen in Mannheim tourten. Temperton spielte auf einer alten Hammond-Orgel. "Die war schwer wie Blei", weiß noch Doris Springer, die bei "Sundown Carousel" damals Sängerin war.
Rod Temperton bezog eine kleine Wohnung in der Valckenbergstraße unweit des Wormser Marktplatzes. Heute befindet sich im Erdgeschoss des Wohnhauses ein Sonnenstudio, zu jener Zeit war dort ein italienisches Restaurant untergebracht. Wer weiß - vielleicht sind in Tempertons Bude im vierten Stock bereits die ersten Takte zu "Thriller" niedergeschrieben worden?
Später schloss sich Temperton der Gruppe "Heatwave" an, für die der talentierte Komponist den Song "Boogie Nights" schrieb, der sich zum Hit entwickelte - ein tiefschwarzer Funk-Stampfer im schillernden Disco-Gewand. So bekam er schließlich den Fuß in die Tür zum großen Musikgeschäft.
Temperton lernte den Star-Produzenten Quincy Jones kennen, der die wegweisenden Alben Michael Jacksons am Mischpult klanglich veredelte. Einmal kam auch Jones nach Worms: Mit dem Ehepaar Springer und Kumpel Rod Temperton feierte er auf dem Backfischfest. "Der Quincy ist bei allen Fahrgeschäften eingestiegen, ob Riesenrad oder Karussell, dem hat das Spaß gemacht", lacht Doris Springer. "Damals wusste ich gar nicht, wie berühmt der ist", verrät die 68-Jährige schmunzelnd.
Für Rod und Quincy kochte sie Sauerkraut mit Rippchen, das Duo war neugierig auf die deutsche Küche. Anfang der 1980er Jahre verließ Temperton Worms und wanderte nach Beverly Hills aus. Auf den kalifornischen Hügeln startete die Karriere des einst mittellosen Engländers erst richtig durch: Für Jacksons Alben "Off The Wall" und "Thriller" komponierte er wichtige Stücke, seine Filmmusik zu Steven Spielbergs Drama "Die Farbe Lila" erhielt eine Oscar-Nominierung. Ebenso vertrauten Jazz-Pianist Herbie Hancock, Soul-Legende Aretha Franklin und Rapper LL Cool J auf Tempertons Gespür für Harmonien.
Mitte der 1980er Jahre besuchten die Springers, die übrigens auch nebenan von Jule Neigel einen Proberaum in der Mannheimer Alten Feuerwache besaßen, ihren Aufsteiger in dessen Villa. Um noch mehr Anekdoten zu erfahren, müsste man Bernd Springer befragen. Doch nach zwei schweren Schlaganfällen 2003 kann er nicht mehr sprechen. "Im vergangenen November rief mich Rods Ehefrau an, um sich nach Bernds Gesundheit zu erkundigen", erzählt Doris Springer. Und hofft: "Vielleicht kommen sie ja irgendwann noch einmal nach Worms."
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