Serie:
In der Kunsthalle Mannheim erinnert ein Bild an den Industriellen Karl Lanz – und an seine einstmals riesige Gemäldesammlung
Kunst hebt den Kredit des Besitzers
Von unserem Redaktionsmitglied Annika Wind
Kurze Pause von der Arbeit: Max Liebermanns "In der Lotsenstube" entstand 1884.
© Kunsthalle
Ein schöner Moment. Ob und wie ihn Fritz Wichert zelebriert hat, ist nicht überliefert. Aber er wird ihn mit Freude gelesen haben, diesen Brief, der ihn im November 1912 in der Kunsthalle Mannheim erreichte. Darin dankte ihm Karl Lanz für seine "liebevolle Mühe" als "treuer Berater". Und dann fügte der Industrielle noch ein "Zeichen dieser Dankesschuld" seinem Schreiben bei: ein Bild von Max Liebermann. "In der Lotsenstube" hatte der Künstler 1884 auf einer seiner Reisen durch die Niederlande gemalt. Ein seltenes Frühwerk, das Lanz dem Museum vermachte. Denn es sei, so schrieb der Unternehmer, eines der wenigen "modernen" seiner Sammlung - und ihm "das liebste".
Ein Muss im Bürger-Zeremoniell
Vielleicht, weil seine Farbigkeit doch sehr an die Alten Meister erinnert, die Lanz sonst besaß. In dunklen Tönen ist die Szene gehalten, auf der Männer einen Moment innehalten, ehe sie ihre Arbeit fortsetzen. Zwischen 1909 und 1914 hatte sich Lanz bedeutende Werke von Brueghel, Rembrandt, Rubens, Cranach und Tintoretto zusammengekauft. Warum? Weil zeitgleich in der Oststadt sein Palais entstand. Und Kunst, so schreibt Ferdinand Werner in seinem Buch über "Mannheimer Villen", ein Muss war "im neuen bürgerlichen Zeremoniell". Sie unterstrich "die wirtschaftliche Solidität des Hausherrn". Ein Mannheimer Kunsthistoriker fand dafür noch einen anderen Begriff: "kredithebendes Repräsentationsmittel" nannte Joseph August Beringer das, was das Museum 1916 präsentierte: Kunst aus Mannheimer Privatbesitz - mit Werken der Sammlung Lanz.
Die hatte sich der Unternehmer mit dem Erbe des väterlichen Betriebs für Landmaschinen zusammengekauft. Doch auch wenn er dem Museumsdirektor Wichert von seiner Freude über die Kunst schreibt - mit Leidenschaft hatte seine Sammlung wenig zu tun. Statt der Kunst lange hinterher zu recherchieren, kaufte Lanz schnell und im Paket. Mehr als 80 Bilder soll er besessen haben. Beinahe die Hälfte erstand er 1912, in dem er dem Budapester Baron Marczell von Nemes einen Großteil seiner Sammlung abkaufte. Zurate zog er dafür Wichert, der ihn auch für weitere Geschäfte an Galeristen oder Kunsthistoriker vermittelte - etwa an Julius Meier-Graefe, der sich für zeitgenössische Künstler wie Max Liebermann einsetzte. Doch an Innovativem war Lanz nicht interessiert: Er schätzte die Alten Meister, weil er mit ihnen einen gesicherten Wert verband - neue Stile wie der Impressionismus blieben ihm fremd.
Obwohl sein Palais am Luisenpark noch heute opulent wirkt - viel Platz ließ der Bau für die Kunst nicht, auch wenn Lanz von Anfang an eine "Galerie" plante. Durch fünf Fenster und drei große Doppeltüren blieb nur wenig Wandfläche im Kunstsaal übrig - so hingen seine Schätze dicht an dicht, sogar im Treppenhaus. Kein Wunder also, dass Lanz gern seine Kunst verlieh: an das Ausstellungsgebäude auf der Mathildenhöhe Darmstadt (März/April 1913) und die Kunsthalle Mannheim, die sie 1912/1913, 1914 und noch einmal 1916/1917 zeigte - einschließlich der Neuanschaffungen, die er zwischendurch tätigte.
Aber das Familienglück währte nicht lange im Palais Lanz, das bald verkauft und später umgebaut wurde. Und auch die Kunst blieb nicht beisammen. Viele Werke wechselten seit ihrer Zeit in Mannheim mehrfach die Besitzer. Ein Bildnis des Erzbischofs Antonio Trieste von Gent etwa, das aus der Werkstatt von Rubens stammt und heute im Rheinischen Landesmuseum Bonn hängt - als Leihgabe des Bundes, denn 1940 hatte es Hermann Göring, einer der führenden NS-Politiker, für seine private Kunstsammlung gekauft.
Immer wieder tauchen Werke auch bei Auktionen auf: Auf der Internetseite der Bremer Galerie Neuse steht das Gemälde "Alexander krönt Roxana" von Jan van Boeckhorst zum Verkauf. 2011 war bei Sotheby's in New York die "Madonna mit den Kirschen" von Giovanni Pietro Rizzoli, einem Schüler Leonardo da Vincis, versteigert worden. Um die Herkunft des Bildes zu belegen, fügte man dem Katalog ein Foto aus dem Mannheimer Palais Lanz bei - das die Madonna an der Wand zeigt. Bereits 1921, kurz nach dem Tod von Karl, hatte Gisella Lanz mit dem Verkauf der Sammlung begonnen, nur noch wenige Werke sind heute im Familienbesitz. Und weil die Witwe nicht viel vom Kunstmarkt verstand, suchte sie einen Kenner - und engagierte Fritz Wichert. Wenige Jahre, nachdem er Karl Lanz eine Sammlung zusammengestellt hatte, sorgte er nun für ihren Verkauf. Zurück blieb in Mannheim allein die "Lotsenstube" von Liebermann.
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