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Dienstag, 22.05.2012

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Energie: Trotz Eiseskälte, weniger Gas aus Russland und Lücken bei der Stromerzeugung beruhigt die Branche den Verbraucher

„Lage angespannt, aber stabil“

Von unserem Redaktionsmitglied Frank Schumann

Russland – im Bild eine Gas-Pipeline in Sudzha – hat den Gashahn spürbar zugedreht. Nach Branchenangaben kamen vergangene Woche 30 Prozent weniger Erdgas am deutschen Übergabepunkt Waidhaus an.

Russland - im Bild eine Gas-Pipeline in Sudzha - hat den Gashahn spürbar zugedreht. Nach Branchenangaben kamen vergangene Woche 30 Prozent weniger Erdgas am deutschen Übergabepunkt Waidhaus an.

© dpa

Mannheim. Zum zweiten Mal in diesem Winter muss ein deutscher Stromnetzbetreiber auf die sogenannte "Kaltreserve" zurückgreifen - die Absicherung für den Fall, dass nach der Abschaltung von Atomkraftwerken im vergangenen Jahr der Strom knapp wird. Anfang Dezember mussten österreichische Kraftwerke dem Nachbarland mit Strom aushelfen. In der Nacht auf gestern meldete dann die EnBW Transportnetz AG (TNG) ihren Bedarf beim Mannheimer Großkraftwerk GKM an. Der Netzbetreiber fürchtete im Lauf des Tages eine zu geringe Stromproduktion für Süddeutschland und als Folge daraus eine "Beeinträchtigung der Netzstabilität". Beides wäre nach Angaben von TNG nicht nur eine Folge des frostigen Wetters gewesen - vor allem die gedrosselten Gaslieferungen aus Russland bereiten der deutschen Energiewirtschaft derzeit großes Kopfzerbrechen.

Der Stromverbrauch liegt nach Angaben der Bundesnetzagentur im Winter generell höher - zum Beispiel, weil in den Haushalten länger Licht brennt. Auch Nachtspeicheröfen, die mit Strom laufen, sind in einigen Regionen noch weit verbreitet. Gegenwärtig ist die Stromversorgung nach den Worten von Matthias Kurth, dem Präsidenten der Bundesnetzagentur, aber gesichert. "Die Lage ist angespannt, aber beherrschbar und stabil", sagt ein Sprecher der Netzagentur auf Anfrage. Dass das Mannheimer GKM zum ersten Mal als "Kaltreserve" einspringen muss, ist allem Anschein nach ein regionales Problem. Dafür spricht auch, dass Deutschland trotz Energiewende und Eiseskälte gegenwärtig Strom nach Frankreich exportieren kann.

Nach eigenen Angaben rechnete der Netzbetreiber TNG für gestern mit einer "deutlichen Abschwächung der Windeinspeisung". Zudem hätten sich Hinweise verdichtet, dass "die Gasversorgung in Süddeutschland nicht mehr den Bedarf decken kann" - gemeint ist die Versorgung von Gaskraftwerken zur Stromerzeugung. So steht das Karlsruher Gaskraftwerk RDK 4 nach Angaben des Betreibers EnBW seit Ende vergangener Woche still. Grund: Der Lieferant Open Grid Europe - Teil des Eon-Konzerns - hat seine Gaslieferung eingestellt.

"Am Übergabepunkt Waidhaus sind vergangene Woche 30 Prozent weniger russisches Gas angeliefert worden", teilt ein Open-Grid-Sprecher mit. Russland begründet die Drosselung mit einer höheren Nachfrage im eigenen Land. Für Deutschland macht das die Energieversorgung erheblich schwerer, die Versorgungssituation im Süden des Landes sei "sehr angespannt, aber unter Kontrolle", sagt der Unternehmssprecher. "Die Fernnetzbetreiber arbeiten derzeit eng zusammen, um die Transportsicherheit zu gewährleisten." Das ist auch dringend notwendig, denn Gas dient in Deutschland nicht nur zur Stromerzeugung: Rund die Hälfte der Haushalte heizt mit Erdgas.

Sorgen müssen sich die Verbraucher nach übereinstimmenden Aussagen von Bundesnetzagentur und Gaswirtschaft bislang jedoch nicht. Laut Open Grid Europe leiten die Gasversorger derzeit große Mengen des Energieträgers vom Norden Deutschlands - wo Lieferungen aus Norwegen und Großbritannien eintreffen - in den Süden. Zudem würde zusätzlich Erdgas auf dem europäischen Markt eingekauft. Die wichtigste Waffe im Kampf gegen einen Versorgungsengpass ist dabei noch gar nicht berücksichtigt - die Gasspeicher.

In künstlich angelegten und natürlichen Lagerstätten kann Deutschland mittlerweile rund ein Fünftel seines jährlichen Gasbedarfs speichern. Üblicherweise füllt die Gaswirtschaft die Lager im Sommer auf und leert sie im Winter. "Die Speicher sind noch voll", sagt der Open-Grid-Sprecher. "Kunden müssen gegenwärtig nichts befürchten. Die gegenwärtige Lage kann noch drei bis vier Wochen anhalten - erst dann müsste man anfangen, sich Gedanken zu machen."

© Mannheimer Morgen, Donnerstag, 09.02.2012

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