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Selbstverteidigung: Bei einem Kurs des Studentenwerks Heidelberg lernen Studentinnen, männliche Angreifer in die Flucht zu schlagen

„Jetzt würde ich kämpfen!“

Von unserer Mitarbeiterin Franziska Brozio

Voll aufs Schienbein, denn das ist am empfindlichsten: Catrin Schuler zeigt dem Polizisten Hermann Jochim, was sie gelernt hat.

© fbr

Hiroko Yamayoshi hatte ein mulmiges Gefühl im Bauch, als sie an jenem Abend nach Hause ging. Sie wollte gerade die Tür aufschließen, als ein Mann sie von hinten mit seinen Armen umschloss. Schreien konnte sie nicht. Was da gerade mit ihr passierte, sickerte nur stückchenweise zu ihr durch. Aber dann schrie Hiroko doch. So laut, dass der Angreifer losließ und wegrannte.

Ein Donnerstag im November, zehn Jahre später: Ein großer Stuhlkreis im Dachgeschoss des Heidelberger Marstallcafés wartet auf die Teilnehmerinnen des "Selbstbehauptungskurses für Studentinnen". Nach und nach trudeln die ersten ein. Auch Hiroko ist dabei, die zurückhaltende Frau ist mittlerweile 32 Jahre alt und promoviert im Fach Theologie. Seit vier Jahren lebt die Japanerin nun in Deutschland und hat keine Gewalterfahrungen mehr gemacht. Aber als sie das Kursangebot sah, nutzte sie die Gelegenheit - falls ein nächstes Mal kommen sollte, will sie besser vorbereitet sein.

Bald sind auch die Polizisten da, natürlich in Zivil. Zwei Männer und eine Frau führen durch den zweitägigen Kurs. Zuerst wird eine Personenbeschreibung geübt, dann folgt eine Vorstellungsrunde. Neben den Fragen "Wie heißt ihr?" und "Was studiert ihr?" können die Teilnehmerinnen auch erzählen, ob sie schon Gewalterfahrungen gemacht haben. Viele der Studentinnen berichten, mal mit leiser, mal mit fester Stimme, von aufdringlichen Männern, Schrecksekunden und wie sie sich wehrten.

Hier lernt frau, sich zu verteidigen

  • Der Selbstbehauptungskurs des Heidelberger Studentenwerks richtet sich speziell an Studentinnen.
  • Durchgeführt wird er von Polizisten des Heidelberger Polizeireviers Mitte. Er ist kostenlos und offen für 20 bis 30 Studentinnen.
  • Der Selbstbehauptungskurs findet viermal im Jahr statt.
  • Der Kurs dauer zwei Tage. Polizisten vermitteln erst die theoretischen und mentalen Grundlagen, dann darf und soll zugeschlagen werden.
  • Weitere Infos gibt es bei Cornelia Gräf unter pr@stw.uni-heidelberg.de und unter 06221/9 91 71 00.
  • Das Neuenheimer Feld ist ein Teil der Stadt Heidelberg, in dem überwiegend die naturwissenschaftlichen Fakultäten der Uni untergebracht sind. fbr

Catrin Schuler ist eine der Studentinnen, die noch keine schlechten Erfahrungen gemacht hat. Sie bekommt eine Gänsehaut, als sie die Geschichten der anderen hört. Die 23-Jährige studiert Mathematik und Biologie auf Lehramt und läuft häufig im Dunklen durchs Neuenheimer Feld. Weil sie dabei ein mulmiges Gefühl im Bauch hat, wollte Catrin schon länger einen Selbstbehauptungskurs machen: "Wenn ich in die Lage komme, möchte ich mich wehren können!" Von den praktischen Übungen ist sie besonders begeistert: Zwei Wochen nach dem theoretischen Teil trifft sich die Gruppe noch einmal, aber diesmal verschwinden die Stühle schnell in die Ecken des Raumes. Die Polizisten decken sich mit Kissen und Schonern ein und fordern die jungen Frauen zum Zuschlagen auf. Catrin verteilt Ohrfeigen, dass es knallt, und auch ihre Tritte würden wohl viele Angreifer in die Flucht schlagen.

"Werdet zur Furie!"

Es gibt nur eine Regel: Jede Aktion mindestens dreimal wiederholen, denn das überfordert die nicht multitaskingfähigen Männer. "Werdet zur Furie!", sagt der Gruppenleiter Hermann Jochim. Und zu Furien werden sie: Schreie hallen durch den Raum, während die Studentinnen auf die mit Kissen geschützten Polizisten einschlagen. Jochim kommt ganz schön ins Schwitzen. Seit 15 Jahren gibt der Polizeioberkommissar Selbstbehauptungskurse. "Aber nicht weil es nötig ist", sagt er, "sondern zur Beruhigung der Nerven." Denn insgesamt seien die Straftaten gegen sexuelle Selbstbestimmung und speziell Vergewaltigungen im Vergleich zu anderen Straftaten vernachlässigbar. Seit 2008 gab es im Neuenheimer Feld zwei Vergewaltigungen und 48 im gesamten Stadtgebiet. Drei von vier Taten passieren in einer Beziehung. Trotzdem ist für den Polizisten klar: "Jede Vergewaltigung ist eine zu viel." Er ist überzeugt, dass er mit seinem Training Verbrechen verhindern kann.

Am Ende des Kurses schlüpft Jochim in einen blauen Ganzkörper-Schutzanzug und greift die Frauen der Reihe nach an. Angespannt und mit geschlossenen Augen stehen sie im Kreis, während der Polizist um sie herumpirscht und plötzlich auf eine von ihnen zurennt. Dann heißt es für die Studentinnen, die richtigen Stellen zu treffen: Schienbein, Schritt und Kopf sind am empfindlichsten. Hiroko kommt jetzt in eine Situation, die sie so ähnlich schon mal durchlebt hat. Aber jetzt hat sie keine Angst, zu den Polizisten haben die Frauen mittlerweile Vertrauen aufgebaut. Jochim umklammert sie von hinten und Hiroko wehrt sich sofort. Sie tritt ihm ans Schienbein, der Griff des Angreifers wird lockerer, sie dreht sich und setzt einen Ballenstoß an den Helm des Polizisten. Nach drei Treffern hat sie ihn abgeschüttelt. Die Frau ist mit dem Kurs zufrieden und fühlt sich sicherer: "Jetzt weiß mein Körper, was er machen muss, jetzt würde ich kämpfen!"

© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 12.12.2012

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