Burschenschaften:
Mannheimer Verbindung tritt nach 60 Jahren aus dem Dachverband „Deutsche Burschenschaft“ aus
Hansea findet Verband zu rechts
Von unseren Mitarbeiterinnen Anna Katharina Bernzen und Franziska Brozio
Hansea-Mitglied Kai Ming Au bedauert den Austritt aus dem Verband.
© ber/fbr
"Wenn jetzt die liberalen Bünde austreten, dann räumen wir wortlos das Feld und vergeben die Chance auf eine liberale Zukunft der Deutschen Burschenschaft." Mitte 2011 diktierte Kai Ming Au einem "Spiegel Online"-Redakteur diesen Satz in den Block. Hoffnungsvoll, fast kämpferisch klang der Ludwigshafener Student da noch. Kurz vor Jahresende räumte seine Burschenschaft, die Mannheimer Hansea, besagtes Feld nun doch: Ihre Mitgliederversammlung beschloss den Austritt aus dem Dachverband.
Neben der Hansea traten seit dem außerordentlichen Burschentag in Stuttgart allein im Dezember neun andere Burschenschaften aus. Grund war für viele die ungenügende Distanzierung der Deutschen Burschenschaft (DB) von rechtsextremen Organisationen. Ausgeschlossen wurde nur eine Mitgliedschaft in "solchen Organisationen, die nationalsozialistische Ziele verfolgen", so eine Pressemitteilung des Dachverbandes. Laut dieser gibt es sonst keine Streitigkeiten in der DB: Auf dem Burschentag habe man "in wichtigen Punkten für alle Seiten vertretbare Lösungen gefunden".
Die letzte im Dachverband verbliebene Verbindung in der Region ist die Heidelberger Burschenschaft Normannia, aus der auch der neue Chefredakteur der "Burschenschaftlichen Blätter" Michael Paulwitz kommt. Deren ehemaliger Chef Norbert Weidner war in die Kritik geraten, weil er den NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer als "Landesverräter" bezeichnet hatte -vom Burschentag war er zunächst aber im Amt bestätigt worden. Beim Treffen in Stuttgart wurde er dann aber doch ersetzt. Die Gründe dafür seien größtenteils "eher formaler Natur" gewesen, sagte der Pressereferent der DB, Walter Tributsch, gegenüber dem "Spiegel".
Die Burschenschaft Hansea in Mannheim gibt es seit einem guten Jahrhundert. Sie hat 170 Mitglieder von Universität und Hochschulen in Mannheim oder Ludwigshafen.
Die Burschenschaft Normannia in Heidelberg ist mit über 130 Jahren noch älter. Sie gehört, wie die Hansea, zu den sogenannten schlagenden Verbindungen - hier wird gefochten.
Bis zu ihrem Austritt vor einem guten Jahr war mit der Frankonia Heidelberg eine weitere Verbindung in der Region Mitglied in der Deutschen Burschenschaft (DB). Sie gehörte sogar zu deren Gründungsmitgliedern.
In der DB versammeln sich nach deren Angaben rund 15 000 Studenten aus über 120 deutschen und österreichischen Burschenschaften.
Die "Initiative Burschenschaftliche Zukunft" versteht sich selbst als Teil der DB. Sie will von innen heraus an der Entwicklung des Dachverbands mitwirken. fbr/ber
Flucht der Liberalen
Auch ist fraglich, ob der Heidelberger Paulwitz gemäßigtere Positionen vertritt: Er publizierte unter anderem ein Buch zum Thema "Deutsche Opfer, fremde Täter - Ausländergewalt in Deutschland" und schreibt eine Kolumne für die rechtskonservative Wochenzeitung "Junge Freiheit". Das Blatt war einige Jahre in das Blickfeld des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes geraten, da es rassistische und demokratiefeindliche Texte veröffentlicht haben soll. Die Charakterisierung als rechtsextremistisch wies das Bundesverfassungsgericht aber zurück. Auf Nachfragen des "Mannheimer Morgen" zum Thema reagierten die Heidelberger Burschenschafter nicht.
Der Streit, der zu den Austritten zahlreicher Burschenschaften führte, war durch die Debatte um die Abstammung Kai Ming Aus vor über einem Jahr noch befeuert worden. Seine Eltern stammen aus China, in Mannheim war er damals jedoch nicht nur aufgenommen worden, sondern sogar als Sprecher für die Hansea aktiv. Dafür wollte einer der Verbände sie aus der DB ausschließen - ein Anliegen, das als "Arier-Antrag" in manchen Medien die Runde machte.
Von solchen Begriffen hält sich die Hansea fern. Auf ihrer Website spricht sie in einer Erklärung zum Austritt sachlich über "ganz offensichtlich" abweichende Auslegungen des Grundgesetzes durch einige Burschenschaften, "die mit den demokratischen Überzeugungen der Burschenschaft Hansea nicht mehr vereinbar ist". Auch der "Vorwurf rechtsextremer Verstrickung" kommt darin zur Sprache. Von Burschen, die sich bei der NPD oder den Republikanern engagieren, berichten Mannheimer, die sich im Dachverband auskennen.
Das seien Einzelfälle, auch das betonen die Burschen. Indizien für eine Entwicklung in der DB liefern sie trotzdem. Lange habe man versucht, liberale Mehrheiten im zunehmend konservativen Dachverband zu bilden. "Nach dem außerordentlichen Burschentag und den darauf folgenden Austritten liberaler Bünde ist uns das nicht mehr möglich", glaubt Matthias Wingler, Vorsitzender der Ehemaligen der Burschenschaft, der "Alten Herren".
Leicht ist der Mannheimer Hansea ihre Entscheidung nicht gefallen. Rund 60 Jahre war sie Mitglied in der DB. "Natürlich baut man eine emotionale Verbindung auf, natürlich bedauere ich den Austritt", sagt Kai Ming Au. Wie viele liberale Burschenschaften gehört die Hansea zwar der "Initiative Burschenschaftliche Zukunft" an. Die Gründung eines neuen Dachverbandes, etwa mit deren Mitgliedern, plant man in Mannheim in den nächsten Jahren aber nicht.
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