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Die Jagd verschärft das Problem

Von Petra Gerner

"MM"-Leserin Petra Gerner ist der Meinung, dass die Natur sich selbst am besten und am weisesten reguliert. Die Wildschweinplage sei selbst verschuldet - durch den Anbau von Monokulturen und ganzjährig vorhandener Nahrung.

© dpa

Zum Leserbrief "Auf Jäger eingedroschen" vom 1. Februar:

Da wir in einer Demokratie leben, ist Jäger Hans Biller natürlich dazu berechtigt, seine Jagd zu verteidigen. Genauso, wie er nicht in Abrede stellen sollte, dass es in einer freien Gesellschaft möglich sein muss, die Barbarei der Jagd zu thematisieren. Der "Mannheimer Morgen" verdient Lob statt Kritik dafür, dass er seinen Lesern diese Möglichkeit des freien Meinungsaustausches bietet!

Um die Fakten zum Thema Jagd kommt aber auch die Jägerschaft nicht herum: Derk Ehlert, Wildtierexperte des Landes Berlin, bringt die Problematik der starken Vermehrung der Wildschweine auf den Punkt: Durch die Jagd lasse sich der Bestand dauerhaft nicht regulieren, so seine absolut klare Aussage. "Die Population wird so lange weiterwachsen, bis das Futter knapp wird."

Nahrung ganzjährig vorhanden

Damit ist vorerst nicht zu rechnen, denn die Tiere finden mehr als ausreichend Nahrung durch den Anbau von Futterpflanzen wie Mais für unsere ausufernde Massentierhaltung. Diese unnatürlichen Monster-Monokulturen bieten Wildschweinen fast ganzjährig Nahrung. Unsere ohnehin schon pervertierte Behandlung unserer Mitgeschöpfe in der Massentierhaltung zeigt Folgen, auf die wir - wie gewohnt - wieder mit der Quälerei und Tötung von Lebewesen reagieren. Wann ist die Grenze menschlicher Gewalttätigkeit und Dummheit endlich erreicht? Durch die intensive Bejagung sinkt die Lebenserwartung der Tiere zudem drastisch und es werden häufig Leitbachen getötet, wodurch die Tiere ihren natürlichen Fortpflanzungsrhythmus verlieren.

Die Konsequenzen: eine deutlich frühere Geschlechtsreife und damit gesteigerte Vermehrungsrate. Fazit: Nur durch die Regulierung des Futterangebotes und damit durch die Abkehr von der völlig pervertierten Massentierhaltung können wir die (selbst verschuldete) Wildschweinplage in den Griff bekommen. Durch die Jagd wird das Problem nicht gelöst, sondern noch zusätzlich verschärft.

Zum viel diskutierten Thema Kirrungen: Die Wildforschungsstelle Baden-Württemberg hat sich vor einigen Jahren die Mühe gemacht, das Kirrungsverhalten von Jägern zu analysieren (Ellinger et al., 2001). In bejagten Revieren legen demnach bis zu 95 Prozent der Jäger Kirrungen an, um Wildschweine vor ihre Flinte zu locken. Im Jahre 2000/01 wurden allein in Baden-Württemberg über 400 Tonnen Futter ausgelegt! Diese Größenordnungen werden als eindeutig bedenklich bezeichnet (Ellinger et al., 2001). Inzwischen geben einige Jäger offen zu, dass die "Wildschweinschwemme" hausgemacht ist: "Wenn ... in drei kleinen Revieren, in denen insgesamt EINE Rotte ... herumgeistert, je fünf Kirrungen beschickt werden, fressen sich die Sauen in einer Nacht so satt, dass ihnen das Laufen schwerfällt" (Jagdzeitschrift "Wild und Hund"). Soweit zur Behauptung, der Jagd"sport" sei "Naturschutz"!

Fakt ist: Jäger verändern die natürlichen Lebensräume elementar und zerstören damit natürliche Gleichgewichte. Dass die Natur ohne Jagd besser funktioniert, zeigen unter anderem die Erfahrungen des seit immerhin 100 Jahren (!) jagdfreien Schweizerischen Nationalparks oder des Kantons Genf. Auch in Italien sind ALLE weitläufigen Nationalparks seit Jahrzehnten jagdfrei. Die sehr langjährige Praxis zeigt eindeutig: Die Natur reguliert sich selbst am besten und weisesten.

Die Füchse zum Beispiel, die bei uns völlig sinn- und gnadenlos bejagt werden - denn sie haben das Pech, als Hauptbeutegreifer die ärgsten Konkurrenten der Jäger zu sein; rund 500 000 von ihnen müssen deshalb jährlich elendig sterben - erfüllen, wenn wir ihnen ihr Leben denn lassen, die äußerst wichtige Funktion der Gesundheitspolizei des Waldes. Wie ist es zu werten, wenn man ein völlig sinnloses Handeln, das zudem noch intelligente, empfindsame und in Familien lebende Lebewesen furchtbar quält und tötet als "Hobby" ausübt? Hier sei der frühere Bundespräsident Theodor Heuss nochmals vollständig zitiert, auch wenn das Jäger Biller naturgemäß nicht gefallen wird. Besser kann man es jedoch nicht ausdrücken: "Jagd ist nur eine feige Umschreibung für besonders feigen Mord am chancenlosen Mitgeschöpf. Die Jagd ist eine Nebenform menschlicher Geisteskrankheit." Dem ist nichts hinzuzufügen.

Viele Länder sind ethisch weiter

Viele Länder der Welt sind mittlerweile ethisch deutlich weiter als Deutschland und haben totale oder weitreichende Jagdverbote erlassen, darunter Griechenland, Holland, Israel, Costa Rica und Kenia. Wann entwickeln wir uns zu einer Gesellschaft, die das Attribut "human" wirklich verdient und schaffen diesen grausamen, sinnlosen und unmenschlichen Wahnsinn ab?

© Mannheimer Morgen, Montag, 13.03.2017

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