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Medizin: ZI wertet Daten zur Medikamentenverordnung bei „Zappelphilipp“-Kindern aus

„Die Diagnose muss stimmen“

Ritalin bekommen viermal so viel Jungen wie Mädchen verordnet.

© dpa

Massive Kritik an "Schul-Doping" - sie sorgte in den letzten Wochen für Zündstoff und Schlagzeilen. Der Vorwurf: Sogenannte Zappelphilipp-Kinder würden zu schnell mit Pillen wie Ritalin "ruhiggestellt". Die Daten einer umfangreichen Studie zur medikamentösen Behandlung von Mädchen und Jungen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) hat das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) ausgewertet und dabei festgestellt: 1,5 Prozent aller Kinder und Jugendlichen zwischen drei und 17 Jahren sind mit dem Wirkstoff Methylphenidat (in Ritalin enthalten) behandelt worden.

Allerdings stammen die analysierten Daten aus dem Jahre 2005. Neuere Untersuchungen gehen von 1,9 Prozent aus. Bei der vom Bundesforschungsministerium geförderten Untersuchung ging aber nicht nur um Verordnungshäufigkeiten, sondern auch um geschlechtliche Unterschiede: Die Zahlenanalyse offenbart, dass Jungen viermal so häufig wie Mädchen Methylphenidat-Medikamente bekamen. Buben wurde der Wirkstoff vor allem im Alter von zehn Jahren, Mädchen mit elf Jahren verordnet. Das ZI ging auch der Frage nach, ob bei Kindern und Jugendlichen, die Ritalin oder etwas Ähnliches einnehmen, Begleiterkrankungen psychiatrischer Art eine Rolle spielen. Das Ergebnis: In der Gruppe der Mädchen und Jungen mit einem "Zappelphilipp"-Syndrom wurden bei 83 Prozent weitere seelische Störungen festgestellt. Hingegen lag dieser Anteil in der Kontrollgruppe mit Kindern und Jugendlichen ohne ADHS-Befund bei 20 Prozent. In einer ZI-Mitteilung heißt es: "Die Ergebnisse der Datenbankauswertung verdeutlichen anschaulich, dass Kinder und Jugendliche mit der Diagnose ADHS bei Beginn der Behandlung mit Methylphenidat sehr häufig durch eine weitere psychiatrische Erkrankung beeinträchtigt sind."

Einzelfall entscheidet

Und wie lautet die Botschaft von Professor Tobias Banaschewski, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am ZI, zu einer medikamentösen Behandlung bei Aufmerksamkeitsdefiziten und Hyperaktivität? "Die Gabe von Methylphenidat kann sinnvoll und hilfreich sein - muss es aber nicht", erklärt der Experte. Es gelte in jedem Fall "sorgsam abzuwägen". Entscheidend sei, ob überhaupt ADHS vorliege. Denn häufig bleibe im hektischen Alltag einer Praxis gar nicht die Zeit, eine solche Diagnose gemäß der fachlichen Leitlinien umzusetzen. wam

© Mannheimer Morgen, Freitag, 15.02.2013

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