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Nationaltheater: Kräftige Ablehnung oder enthusiastisches Lob vom Publikum beim Premierenabend von „Siegfried“ / Einige Zuschauer gehen nach dem ersten Akt

Heftig umstrittene „Harlekinade“

Von unserem Redaktionsmitglied Peter W. Ragge

Der Held Siegfried, gefesselt im Bett und geschminkt wie ein Harlekin - das hat nicht allen Zuschauern gefallen bei der Premiere des dritten von vier "Ring"-Abenden im Nationaltheater.

© Michel

Bernd D. Kaiser trifft es genau: "Man kann nicht sagen, das ist gut oder schlecht - nur, ob es einem gefällt oder nicht", sagt der treue Theaterbesucher, und wie ihm geht es sehr vielen Zuschauern am Samstagabend im Nationaltheater bei der Premiere von "Siegfried". Achim Freyers Inszenierung des dritten Teils von Wagners Tetralogie polarisiert, ja provoziert. Gleichgültig verlässt niemand nach diesen fünfeinhalb Stunden das Opernhaus, wie einige - völlig zufällig ausgewählte - Reaktionen im Foyer zeigen.

Dabei wandeln sich, was besonders spannend ist, manche Ansichten auch im Lauf des Abends. "Unerträglich", ereifert sich etwa Elfriede Breitwieser nach dem ersten Akt, klingt am Ende aber versöhnlicher: "Es wurde dann etwas besser". "Der erste Akt ein großer Mist, der zweite Akt wunderbar, das Ende - naja, ging so", meint Dr. Horst Stumpf.

"Reines Kasperletheater"

Gerade der erste Akt, der sehr farbenfroh mit boulevardesken Clownerien gestaltet ist, ruft besonders heftige, ablehnende Reaktionen hervor -weshalb danach auch einige Zuschauer nach Hause gehen. "Das ist doch Augsburger Puppenkiste, reines Kasperletheater", schimpft Gerhard Hoffmann. "Stinklangweilig, wie kann man für so etwas Geld ausgeben, da geht doch niemand mehr rein", ärgert sich Hans Schreiner. Auch Marion Roth fühlt sich nur an Kindertheater erinnert; und sie bedauert "Mime" Uwe Eikötter: "Der muss ständig unnötig herumlaufen, unnötigerweise Sachen hin- und herschleppen und dann noch singen". "Dieses Kasperletheater pervertiert Wagners Werk zur Unkenntlichkeit", kritisiert Alexander Fleck Freyers Regie.

Nicht ganz so hart drückt es Werner Bade aus, sagt aber auch: "Die Inszenierung war nicht so schlimm wie Lohengrin, aber nicht ganz mein Fall". Er sei da Purist und wolle sich "in die Zeit hineinversetzen", daher habe er ein Problem, "wenn ein Sänger wie ein Pumuckel herumspringt". Der dritte Akt habe ihn aber wieder versöhnt, "der war o.k.".

Doch wie heftige Ablehnung hört man auch große Zustimmung. "Ich finde es großartig", sagt etwa Dr. Gerhard Arnold, "begeistert von der ausgefallenen Inszenierung" äußert sich Peter Rüble: "Ich finde sie ganz toll". "Das ist doch herrlich ironisch, das hat was - ich finde es gut", genießt Marcus Geithe den Theaterabend. "Sehr angetan" äußert sich ebenso Luisita Bossard-Schlegel: "Ich finde, die haben aus der sonst so statischen, langweiligen Oper das beste gemacht, da ist viel Bewegung drin!" Das sieht auch Marlis Friedmann-Böhm so: "Fantastisch, schön durchgestylt - ich finde, eine geglückte Arbeit von Freyer!" Sehr begeistert reagiert ebenso Hannelore Richter: "Ganz toll, schöne surrealistische Bilder". In dieser Fassung sei "Siegfried" "keinesfalls langweilig, sondern großartig", lobt sie. "Ich fand es mutig", beurteilt Peter Plachetka die Inszenierung: "Sie ist gewöhnungsbedürftig, aber mich spricht sie schon an, man muss sich eben bloß vom alten Denken freimachen". Diplomatisch äußert sich CDU-Stadtrat Steffen Ratzel, eines der ganz wenigen Mitglieder des Gemeinderats bei dem Premierenabend. "Eine farbenfrohe, märchenhafte Inszenierung, mitunter abgleitend in skurrile Harlekinade", findet Ratzel. Für Traditionalisten sei das "schwere Kost".

"Ein großer Abend"

"Wer Wagner so wie früher erwartete, der war sicher enttäuscht", räumt ML-Stadtrat Michael Himmelsbach ein, "aber ich fand es gut, einen schönen Abend". Er habe aber auch im "MM" vorher gelesen, was sich der Regisseur denke. "Daher wussten wir, was uns erwartet - und die Musik, die Sänger waren super!", lobt er. Ohne Abstriche begeistert fällt das Urteil von Stadtrat Prof. Dr. Achim Weizel aus, Vorsitzender der Freunde und Förderer des Nationaltheaters: "Ein großer Abend, eindrucksvolle Inszenierung, Orchester in Hochform, überzeugende Sängerleistungen", lobt er: "Achim Freyer hat es wieder geschafft, uns zu verzaubern", lobt Weizel.

© Mannheimer Morgen, Montag, 03.12.2012

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