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Buchpräsentation: Studie beleuchtet die Akten des Raubmords an jüdischen Mitbürgern und die Wiedergutmachungsprozesse

Opfer und Täter der Arisierung werden beim Namen genannt

Von unserem Redaktionsmitglied Susanne Räuchle

Jakob Manes musste seine Geschäft in P 4 an Wilhelm Maier verkaufen, der ihn in SA-Uniform besuchte. Familie Vetter profitierte in acht Arisierungsvorgängen.

© ISG

Jetzt liegt es vor, 960 Seiten stark, ein Buch, das fast erschlägt, und die ganze Stadtgesellschaft trifft. Zum Jahrestag der Machtergreifung Adolf Hitlers vor 80 Jahren kommen in der wissenschaftlichen Studie Fakten zur Arisierung und Wiedergutmachung gebündelt auf den Tisch, werden Täter und Opfer mit Namen genannt, alle Orte markiert, wird jeder tote Winkel des Vertuschens ausgeleuchtet. Dr. Christiane Fritsche, die Autorin der Forschungsarbeit, präsentierte gestern auf einer Pressekonferenz zusammen mit Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz sowie Projektleiter Professor Johannes Paulmann, Direktor am Leibniz-Institut für Europäische Geschichte und Dr. Susanne Schlösser vom Stadtarchiv das Werk.

Eine Arbeit, zu der Kurz der Autorin gratulierte. Sie habe an Einzelschicksalen eindrücklich den Vorgang der totalen Entrechtung nachvollziehbar gemacht, die emotionale Tiefenwirkung auf schockierende Weise dargestellt, auch auf die Frage des "Gewussthabens" fänden sich Antworten. Die Studie sei ein großer Stolperstein und wichtiger Baustein der Erinnerungskultur für Mannheim, das immerhin die Stärke bewies, sich dieser Vergangenheit zu stellen. Die Arisierung und Wiedergutmachung in einer Zusammenschau herauszuarbeiten, sei in dieser Form bislang einmalig für eine deutsche Stadt. Nichts bleibt anonym, die großen Profiteure, wie die kleinen Nutznießer werden identifiziert, Täter und Opfer in Einzelfällen vorgestellt: Johannes Paulmann als Projektleiter unterstrich das Modellhafte der Arbeit, die auch bislang nicht zugängliche Quellen aus der Zeit nach 1945 erstmals auswertet.

Im Resümee könne man drei Arisierungs-Typen unterscheiden. Da seien die wenigen gutwilligen Geschäftsleute, die in ehrlicher Absicht den jüdischen Kaufleuten in ihrer Not helfen wollten. Aber dann komme doch das große Heer der aktiven Opportunisten, die eine günstige Gelegenheit witterten und blitzschnell zugriffen, die aber keinen Druck auf die jüdischen Verkäufer ausübten.

Und da sei noch die dritte Gruppe, die hemmungslosen Ariseure, die skrupellos an der Ausbeutung beteiligt waren. Und die sich zum Teil noch in den Mühlen der Wiedergutmachungs-Prozesse äußerst engherzig und kleinlich zeigten.

Das Durchforsten dieser Dokumente bedeutete emotionale und wissenschaftliche Schwerstarbeit für Autorin Christiane Fritsche. Die Historikerin wusste vor dreieinhalb Jahren nicht, auf was für ein Mammutprojekt sie sich eingelassen hatte. Ein Aktentsunami rollte auf sie zu, allein 500 laufende Meter Wiedergutmachungsakten, jedes Bündel ein Schicksal. In 26 Exkursen stellt Fritsche in ihrem Buch Einzelschicksale vor, arbeitet Dokumente namenlosen Schreckens ein, die sie selbst immer wieder fassungslos machten. Da ist die Liste von Ellen Wohlgemuth, in deren Wohnung die Nazischergen in der "Reichskristallnacht" alles zerstörten, sogar das Kinderspielzeug. Oder das Arztattest von Ludwig Reiss, der die Ermordung seiner Frau nicht verkraften konnte, seine letzten Tage in tiefster Verzweiflung in der New Yorker Psychiatrie dahindämmerte. Da sind die Berichte von Herzbeklemmungen, Panikattacken der Holocaust-Überlebenden, die zum Teil an der Armutsgrenze vegetierten, jede Mark an Entschädigung existenziell brauchten.

Viele Seiten Leiden - und Kapitel, die von der hemmungslosen Raffgier der Täter zeugen. Ein Hauptprofiteur auf lokaler Ebene wurde gestern Abend bei der Buchpräsentation im Casino des Collini-Centers von Fritsche in einem Vortrag vorgestellt: Richard Greiling, vermögender Selfmademan, der das Geschäft mit der Not witterte und Beute machte im großen Stil. Für über vier  Millionen Reichsmark kaufte er Firmen auf, darunter die Korsettfabrik Herbst, bekannt unter dem Namen Felina, und den Feldbahnbetrieb Martin Kallmann. Eine exemplarische Geschichte, die gestern Abend bei der Diskussion viel Stoff hergab.

© Mannheimer Morgen, Donnerstag, 31.01.2013

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