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Fall Marcel: Verteidiger stellt Befangenheitsantrag gegen neuen Gutachter / Stellvertretender Jugendamtsleiter kann kein Fehlverhalten bei Mitarbeitern feststellen

Richter verliert bei Befragung die Geduld

Von unserem Redaktionsmitglied Angela Boll

Wie schon beim ersten Prozesstag versteckt sich Nathalie B. auch gestern vor den Blicken der Zuschauer. Verteidiger Steffen Lindberg (rechts) hofft derweil auf einen neuen Sachverständigen.

© Prosswitz

Ein in Tränen aufgelöster Zeuge, eine schluchzende Angeklagte, ein Richter in Rage und ein beschwichtigender Staatsanwalt - am Landgericht liegen derzeit die Nerven blank. Der Fall Marcel wühlt auf und legt die Emotionen frei, das zeigt sich auch diesmal wieder im Gerichtssaal. Dabei beginnt der zweite Verhandlungstag zunächst mit einer formellen Reaktion auf den neuen, von der Kammer beauftragten Gutachter. Verteidiger Steffen Lindberg lehnt den Sachverständigen Thomas Mörsberger ab, stellt einen Befangenheitsantrag. Lindberg hält Mörsberger, der im Fall Marcel die Vorgänge im Jugendamt und die Arbeit der Familienhelfer beurteilen soll, für "absolut nicht tauglich". Er begründet seinen Antrag mit Zitaten aus Veröffentlichungen des Experten, die aus seiner Sicht "das Misstrauen gegen die Unparteilichkeit" belegen. Alleine die Tatsache, dass Mörsberger von 1998 bis 2004 Leiter des Landesjugendamts Baden gewesen ist, sei kritisch zu bewerten.

Kauernde Angeklagte

Während Mörsberger und Oberstaatsanwalt Reinhard Hofmann dem Verteidiger widersprechen, sitzt auf der Anklagebank wieder eine weinende Mutter: Die 30-Jährige, die sich wegen Totschlags durch Unterlassung und Misshandlung von Schutzbefohlenen verantworten muss, kann den juristischen Diskussionen kaum folgen. Wie am ersten Verhandlungstag versteckt sie sich kauernd neben ihrem Anwalt, hält sich schützend die Hand vors Gesicht. Nathalie B. hat zugegeben, ihren todkranken, damals neunjährigen Sohn nicht mehr ausreichend gepflegt und ihm die Sondennahrung verweigert zu haben. 2010 hatte ein Amtsarzt den durch die Krankheit Adrenoleukodystrophie mittlerweile schwerst behinderten Jungen aus der Wohnung der Frau geholt. Marcel war wund gelegen, auf 14 Kilo abgemagert, weder gewickelt noch gewaschen. Er starb wenige Wochen später im Klinikum.

"Wollte nicht, dass er stirbt"

Marcels Familie stand seit 2001 unter der Obhut des Jugendamts. Besonders der älteste Sohn der Angeklagten galt als verhaltensauffällig, hatte bereits einen Heimaufenthalt hinter sich, als sein Bruder erkrankte. Bis zu Marcels Klinikeinweisung im Jahr 2010 betreuten eine Mitarbeiterin des Jugendamts sowie zwei Angestellte eines freien Trägers die Familie. Die Mutter, die sich 2009 von dem alkoholkranken Vater der Kinder getrennt hatte, musste sich von Anfang an allein um die Erziehung kümmern, auch als 2007 bei Marcel die tödliche Krankheit festgestellt wurde. Die Pflege des Jungen, die Probleme mit den anderen Kindern, die Drogensucht, dazu der neue Freund, der sie mehrmals grün und blau schlug - auch gestern schildert die junge Frau noch einmal den Stress, dem sie ausgesetzt gewesen sei: "Ich hab' immer Angst gehabt, dass sie mir ein Kind wegnehmen." Deshalb habe sie zum Schluss versucht, alle abzuwimmeln, konsequent behauptet, der Kleine schlafe. "Aber ich wollte doch nicht, dass er stirbt", bricht es aus ihr heraus.

Die Vorwürfe gegen das Jugendamt - sie werden nun auch im Prozess immer lauter. Doch der damalige stellvertretende Leiter der Behörde schließt im Zeugenstand ein Fehlverhalten seiner Mitarbeiter aus. Man habe alles geprüft, "die Regularien sind eingehalten worden", betont er. Die Situation sei für alle "sehr schrecklich". Schließlich habe man auch in den vergangenen Jahren - also nach dem Fall Marcel - "viele Optimierungen in den Fallabläufen" vorgenommen. Verteidiger Lindberg möchte es genauer wissen, verweist auf eine interne Sitzung vor Marcels Tod, in deren Verlauf der Fall im Jugendamt als "Mission Impossible" - als unerfüllbare Mission - bezeichnet worden sei. Doch Richter Ulrich Meinerzhagen will davon nichts hören, watscht den Anwalt ab.

Auch nach einer Pause bleibt die Stimmung gereizt. Der Bruder des Kindsvaters sitzt nun im Zeugenstand. Marcels Geschwister leben seit Frühjahr 2010 bei ihm und seiner Frau. Der Mann wirkt mitgenommen, schon vor der Befragung. Die Zustände in der Familie seien schlimm gewesen, berichtet er: "Unsere Art zu helfen war, die gesunden Kinder ab und an da raus zu holen, mit ihnen Zeit zu verbringen." Mit seinem Bruder habe er nicht reden können, "der war ständig betrunken". Mehrmals fährt Meinerzhagen den Zeugen an, hält ihm vor, die Umstände nicht genug hinterfragt, das Jugendamt nicht informiert zu haben. "Das haben wir einmal getan, dann hieß es dort für Schönauer Verhältnisse sei das doch normal", sagt der Zeuge. Der Staatsanwalt versucht noch, beruhigend auf den Vorsitzenden einzuwirken. Doch bei dem Zeugen brechen zum Schluss alle Dämme, nach der Befragung bricht er weinend zusammen.

© Mannheimer Morgen, Dienstag, 21.02.2012

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