„MM“-Bürgerforum:
Meinungsstarke Beiträge für und wider eine neue Führungsstruktur mit mehreren Intendanten am Goetheplatz
Suche nach dem Theater der Zukunft
Von unserem Redaktionsmitglied Ralf-Carl Langhals
Bat um Vertrauen in die Spartenintendanten und die "Mannheimer Doppel-Ellipse": der derzeitige Kaufmännische Direktor am NTM, Dr. Ralf Klöter.
© Prosswitz
Draußen wallen Novembernebel, drinnen, im voll besetzten Jüdischen Gemeindezentrum, geht es durchsichtiger, wenn auch nicht unbedingt gemütlich zu. Beim "MM"-Bürgerforum zu einer neuen Leitungsstruktur des Nationaltheaters Mannheim (NTM) sind die Positionen klar: Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz hatte die Anwendbarkeit des sogenannten "Stuttgarter Modells" auf Mannheim durch Hans Tränkle - und mit den derzeitigen Spartenleitern - prüfen lassen. Die Mannheimer Variante einer "Doppel-Ellipse" will er noch in diesem Jahr durch den Gemeinderat bringen und ab 1. Januar 2013 umsetzen.
Zusammen mit Ex-Generalintendant Ulrich Schwab, Heidelbergs Intendant Holger Schultze, Prof. Achim Weizel von den Theaterfreunden und dem Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins, Klaus Zehelein, diskutierte man über das Für und Wider des strittigen Modells. Die "MM"-Ressortleiter Kultur, Stefan M. Dettlinger, und Lokales, Dr. Stephan Wolf, moderierten den Abend, gaben eingangs einen historischen Überblick und informierten über die aktuelle Situation.
"Eine gewisse Prägung"
Der OB betont, "ergebnisoffen" in das Verfahren gegangen zu sein, das keine "endgültige Entscheidung, aber eine gewisse Prägung" mit sich bringe. Auf die Idee sei er gekommen, als durch den Ausstieg Regula Gerbers die Situation eintrat, dass ein bestehendes Team zu Teilen von einem neuen Leiter hätte übernommen werden müssen; eine - wie er sagt - "für beide Seiten unzumutbare Situation". Auch eine "tendenzielle Überlastung" einer Generalintendantenposition diagnostiziert das Stadtoberhaupt rückblickend. Ulrich Schwab hat sie in dieser Funktion nicht wahrgenommen.
Helen Heberer (SPD) versucht dennoch, eine Überlastung in seiner Personalführung festzumachen, die der Stadt seinerzeit einen historischen Rekord in arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen beschert habe, worauf kräftig gebuht wird.
Hart, aber herzlich geht es zu, nicht nur im Saal. Auch für den Mannheimer und den Einsatz für "sein Nationaltheater", gelte das, betont Schwab, der mit Vergleichszahlen aufwartet: 1096 Mannheimer Vorstellungen pro Jahr mit 234 Technikern stünden lediglich 829 Vorstellungen mit 571 Technikern in Stuttgart gegenüber. Für die Nichtvergleichbarkeit - und daher gegen übertragbare Leitungsmodelle - spricht sich auch Holger Schultze aus: 90 Millionen Euro Etat stünden in Stuttgart und nur 52 Millionen Euro am NTM zur Verfügung - und mit Geld lasse sich eben manches Problem lösen.
Sein Stuttgarter Erfolg sei damals unter einem klassischen Intendanten nicht möglich gewesen, betont dagegen Klaus Zehelein. Warum man den NTM-Spartenleitern nur Egoismus und keine Vernunft unterstelle, will der gegenüber "Veränderungsverhinderern" kritische Fachmann ferner wissen und stellt fest, dass es in einer sich wandelnden Kunst wie auch in der Theaterleitung stets um Lernprozesse gehe.
Konfliktpotenziale im Blick
Die Befürchtungen Schultzes und Weizels, dass es in einem fünfköpfigen Direktorium bei aller derzeitigen Einigkeit eben doch großes Potenzial zu finanziellen wie persönlichen Konflikten gebe, sehen zwei der künftigen Intendanten, Verwaltungsdirektor Klöter und Schauspieldirektor Kosminski, nicht: "Wir glauben, dass es zum Wohle des Hauses ist, und sehen eine Veränderung zum Besseren", so Kosminksi. Und auch OB Kurz beklagt, dass die Einschätzung der Zukunftstauglichkeit seines Modells "immer mehr zur Charakterdebatte" werde.
"Es geht nicht um das Verfahren, es geht um Kunst", befindet Klaus Zehelein, der nicht akzeptiert, "dass Kunst in eine Verwaltungsstruktur umformuliert wird" - und erntet kräftigen Applaus des Auditoriums.
Dass "Kritik am Verfahren mittlerweile längst zum politischen Mittel" geworden sei, stellte indes OB Kurz fest, der im Vorfeld viel Schelte für seinen Alleingang erhalten hatte.
Um Kunst oder deren derzeitige Qualität geht es freilich weniger an jenem Abend, allenfalls um deren zukünftige Ausprägung, die man bei einer neuen Führungsstruktur mitdenken müsse. Mit Bürgertheater und Integrationsarbeit etwa will der Oberbürgermeister gesellschaftlichem Strukturwandel und verändertem Freizeitverhalten begegnen.
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