Gastbeitrag

Gastbeitrag von Josef Kraus

Brauchen wir eine bildungspolitische Revolte, Herr Kraus?

Archivartikel

Das, was junge Menschen zum Lernen und Leben befähigt, wird ihnen heute gar nicht mehr beigebracht, sagt Josef Kraus. Der Bestsellerautor macht dafür unsinnige Lehrpläne und die Politik verantwortlich - und fordert eine Umkehr. Ein Gastbeitrag von Josef Kraus.

Addresse, Orginal, Wiederspruch, sesonal, struckturell, Vortschritt, Roöl, proffesionel, anderst, außländisch, akresiv, expliziet, ziehmlich, imäns, Gewinnzohne: Das sind keine Varianten der Rechtschreibreform, sondern das sind Beispiele von "kreativer" Rechtschreibung aus studentischen Arbeiten. Noch die harmloseren, zuhauf fabriziert von jungen Leuten mit Abitur.

Ein zweites Beispiel: Gerhard Wolf, Professor für Geschichte an der Universität Bayreuth, hat 2012 zur Erfassung der Studierfähigkeit von Studenten deutschlandweit einen Fragebogen an Kollegen geschickt. 70 haben geantwortet. Nach Auswertung der Antworten kam Wolf zum Ergebnis, dass viele Studenten heute nicht studierfähig seien, weil sie gravierende Defizite in Rechtschreibung, Grammatik, Syntax, Interpunktion, Wortschatz und im Umgang mit den Tempora hätten.

Ein drittes Beispiel: Der "Spiegel" berichtete Anfang Februar 2017 von einem Dialog zwischen zwei Germanistikstudentinnen, die an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf vor einem Heine-Portrait stehen: Für die eine ist der Abgebildete "Schiller, oder so". Für die andere ist Schiller ein Komponist. Oder Goethe? "Keine Ahnung, irgendso ein Toter." Auch hier geht es um junge Leute mit Abitur.

Ein viertes Beispiel: 2016 - zum "Zwanzigjährigen" der Rechtschreibreform - gab es eine Studie des Didaktikers Uwe Grund auf der Basis der Auswertung von weit mehr als 15 000 Schülerarbeiten. Ergebnis: Es werden annähernd doppelt so viele Fehler gemacht wie vor der Rechtschreibreform. Das ist die Folge der Rechtschreibreform, aber auch der Vernachlässigung der Rechtschreibung in den Schulen und des "phonetischen Schreibens" nach der Methode "schraibm nach gehöa".

Und, damit es hier nicht nur um Sprache geht, ein letztes Beispiel: Über das Berliner (und Brandenburger) Mathematik-Abitur 2016 sagten Fachleute, dass es von einem Anspruch gewesen sei, den durchschnittliche Schüler der Mittelstufe - also drei bis vier Schuljahre vorher - bewältigen müssten. Dementsprechend beginnt die Absenkung der Prüfungsansprüche schon weit vor dem Abitur.

Die Abschlussprüfungen etwa zum Erwerb des Mittleren Schulabschlusses nach der zehnten Klasse befanden sich 2016 in Berlin zum Teil auf dem Niveau der Grundschule. Eine Mathematikaufgabe beispielsweise lautete: "Drei Ziffern sind gegeben: 2, 3, 6. Welche ist die größte dreistellige Zahl, die aus diesen Ziffern gebildet werden kann?" Das ist etwas, was früher Drittklässler konnten. Berlin: doof, aber sexy?

Warum gibt es gegen solche Missstände, die zu Hunderten aufgelistet werden könnten, keine Revolte, vor allem keine Revolte der Eltern?

Ganz einfach: Die Eltern, die es sich leisten können, helfen ihren Kindern häuslich oder mittels teurer Nachhilfe auf die Sprünge. Die Kinder der anderen bleiben in ihren Herkunftsmilieus eingekerkert. Die meisten aber sind zufrieden mit dem, was ihre Kinder auf dem Zeugnis stehen haben.

Immer mehr machen Abitur, die Quote an Studierberechtigten steigt ungebremst. 2016 war die Studienanfängerquote in Deutschland 55,5 Prozent. Das ist der Anteil der Studienanfänger an der Bevölkerung des entsprechenden Geburtsjahres. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 waren es 33,3 Prozent. In konkreten Zahlen: Vor 21 Jahren, im Jahr 1996, gab es in Deutschland 267 000 Studienanfänger, 2016 waren es fast doppelt so viele, nämlich 506 000. Folge: Wir haben seit 2011 ebenso viele Studienanfänger wie junge Leute, die eine berufliche Bildung anfangen.

Und: Die durchschnittlichen Abiturnoten deutscher Länder, einzelner Schulen ohnehin, tendieren in Richtung 2,2 oder gar 2,0. Aus Berlin wissen wir, dass sich die Zahl der 1,0-Abiturzeugnisse von 17 im Jahr 2002 auf 234 im Jahr 2012 erhöht hat (das ist das 14-fache); selbst von 2006 bis 2016 gab es dort noch eine Steigerung der Abiturzeugnisse mit den Noten 1,0 oder 1,1 von 90 auf 433; das ist das Fünffache. Und auch sonst sind landesweite Abiturdurchschnitte von 2,16 (Thüringen), an vielen einzelnen Schulen von 1,90 keine Seltenheit mehr.

Hauptsache, die Politik ist mit sich zufrieden! Man kann sich auf die Schultern klopfen, denn die Eltern sind ja zufrieden. Sollten Eltern das wirklich sein? Nein, denn von einem Zeugnis, das ein ungedeckter Scheck ist, haben die jungen Leute nichts. Und was bringt es den jungen Studiosi, wenn mittlerweile immer mehr deutsche Hochschulen Brückenkurse in Deutsch und Mathematik einrichten müssen, weil die Studienanfänger aus der Schule nicht mehr das mitbringen, was sie eigentlich mitbringen müssten? Wenn man mittlerweile also zwischen Studierberechtigung und Studierbefähigung unterscheiden muss!

Es wird Zeit, dass Eltern - jeden sozialen Hintergrunds - aufmucken. Die schulpädagogische Erleichterungs- und Gefälligkeitspolitik ist im negativen Sinn des Wortes populistisch, plump populistisch. Im Endeffekt stellt man Eltern ruhig, verbaut damit aber Kindern die Zukunft.

Deshalb ist eine Revolte überfällig. Eltern sollten sich nicht mehr länger blenden lassen, wenn ihnen beziehungsweise ihren Kindern - ohne deren Anstrengung - mittels Schule das Paradies auf Erden versprochen wird: Fitness für das globale Haifischbecken, soziale Gerechtigkeit, Spaß, Lebensraum Schule, Entlastung der Familie, kein Sitzenbleiben, keine Hausaufgaben. Und natürlich Kompetenzen über Kompetenzen!

Wenn zum Beispiel selbst in einem aktuellen bayerischen Gymnasiallehrplan für das Fach Deutsch zwar auf 70 Seiten fast 300 Mal der Begriff "Kompetenz" vorkommt, aber nur ein einziger Dichtername - dann ist hier Misstrauen angebracht, denn all diese Versprechungen waren und sind nicht einmal näherungsweise einlösbar. Ja, sogar weniger noch: Das Einlösen dieser Versprechungen geht stets einher mit einer Absenkung des Bildungsniveaus. Also ist ein Aufbegehren angesagt.

Schulpolitische Revolten sind zwar sehr selten, aber sie können gelingen. Nehmen wir zwei gelungene Beispiele: Zum 1. März 1978 schrieben sich in Nordrhein-Westfahlen 3,6 Millionen Bürger, genau 29,9 Prozent der Wahlberechtigten, in ein Volksbegehren ein, um die von der Landesregierung geplante "Kooperative Gesamtschule" (Koop) zu verhindern. Da das verfassungsrechtlich vorgeschriebene 20-Prozent-Quorum mehr als erreicht war, hatte die NRW-Landesregierung nunmehr die Pflicht, bei Weiterverfolgung der "Koop"-Ziele eine Volksabstimmung herbeizuführen.

Wir wissen: Die NRW-Regierung steckte zurück. Denn ein bürgerliches Bündnis hatte die SPD/FDP-Regierung in die Knie gezwungen. Die NRW-Koalition verzichtete schließlich darauf, ihr "Koop"-Gesetz zur Volksabstimmung zu stellen; das Ergebnis wäre wohl noch schmerzlicher als das Volksbegehren ausgefallen.

In Hamburg 2010 fand Ähnliches statt. Dort inszenierte die Initiative "Wir wollen lernen" um den Rechtsanwalt Walter Scheuerl einen Volksentscheid, mit dem am 18. Juli 2010 die Pläne der schwarz-grünen Regierung Hamburgs zur Verlängerung der Grundschule von vier auf sechs Jahre vom Tisch gewischt wurden. Das war nicht nur das Ende eines Gesetzentwurfes, sondern einer ganzen Landesregierung.

Dergleichen sollte sich im Interesse solider Bildung und vor allem im Interesse unserer jungen Leute regelmäßig wiederholen. Denn unsere jungen Leute sind zu mehr fähig, als sich von einer coolen, angeblich modernen Pädagogik einlullen zu lassen.

Schulische Wohlfühlpädagogik mag für die Familien durchaus bequem und konfliktfrei sein. Aber sie hat mit dem Leben nichts zu tun. Das Leben ist weder ein Ponyhof noch ein Wellness- und Freizeitpark. Schule muss den jungen Leuten eben auch konkretes Wissen und Können abverlangen. Denn wer kein präsentes Wissen hat, der kann nicht einmal richtig "googeln", und wer nichts weiß, muss alles glauben, weil er für alles verführbar ist. Vor allem aber werden Kinder, denen man nichts zutraut, denen man auch schulisch jede Anstrengung aus dem Weg räumt, ängstlich und maßlos anspruchsvoll zugleich; sie können zudem kein Selbstbewusstsein und keine Eigenverantwortung entwickeln. Und es bleibt ihnen eines vorenthalten: stolz auf sich sein zu können, wenn man etwas allein geschafft hat.