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Radler - das große Rätsel

Archivartikel

Biermischgetränke sind in ganz Europa unter verschiedensten Namen bekannt. Doch das Radler soll aus Bayern stammen und könnte sogar politische Wurzeln haben.

Warum das Radler Radler heißt? "Keine einfache Frage", gesteht Caroll Luckas, Mitarbeiterin für Öffentlichkeitsarbeit bei der Mannheimer Eichbaum-Brauerei. Es ist ein Bier, das durch Mischen mit Limonade weniger Alkohol hat, so viel ist klar. "Vielleicht hilft das Getränk Radfahrern deshalb, von ihrer Tour gesund zurückzukommen", mutmaßt sie. Und so beginnt eine Recherche-Reise . . .

Im Zentrum der Quadratestadt sind es nur ein paar Kilometer zum Institut für Deutsche Sprache (IDS). Dort kommen die Experten selbst kniffligsten Begriffen auf die Spur. Die Leiterin der IDS-Bibliothek, Monika Pohlschmidt, hält in Sachen "Radler" schon bald eine erste Überraschung bereit. Laut einer wissenschaftlichen Abhandlung des Linguisten Jürgen Eichhoff stammt das Mischgetränk aus Bier und Limonade möglicherweise gar nicht aus Deutschland, sondern aus England. Schon um 1850 taucht es in britischen Quellen auf. Dort heißt es "shandygaff" oder kurz "shandy" und wurde an die britischen Truppen ausgeschenkt, um die Soldaten bei Laune zu halten.

Auf dem Kontinent soll laut Sprachforscher Jürgen Eichhoff das Versetzen von Bier mit Süßgetränken zunächst als "barbarische Unsitte" gegolten haben. Doch plötzlich setzt sich dieser Trend von der Insel auch vielerorts auf dem europäischen Festland durch. In den Niederlanden taucht "Sneeuwwitje" (Deutsch Schneewittchen) für Bier mit Limo auf, rund um Antwerpen nennt sich Bier mit Cola "Tango". In der Schweiz wird die Bier-Limonaden-Liaison "Panaché" (von französisch "panacher" für mischen) genannt, in Norddeutschland heißt sie "Alsterwasser", in Österreich erhält die Mischung aus Bier und der Kräuterlimonade Almdudler den Namen "Almradler".

Da ist er wieder, der Begriff "Radler". Sollte er etwa aus der Alpenrepublik stammen? Um beim Deutschen Brauer-Bund nachzufragen, heißt es nun bei der Recherche-Tour: Kurs auf Berlin. In der Hauptstadt trinken die Menschen "Berliner Weiße mit Schuss" - als Bier, dem meist Waldmeister- oder Himbeersirup zugegeben wird. Gebräuchlich ist im Osten und Norden Deutschlands bisweilen zudem der Ausdruck "Potsdamer" .

Die Verwirrung ist also perfekt. Marc-Oliver Huhnholz, Pressesprecher des Deutschen Brauer-Bundes, zieht sicherheitshalber gleich die Experten vom Bayerischen Bauernbund hinzu: "Ich frage auch gleich in München nach." Und, oh Wunder, die Bayern reklamieren die Erfindung des Radlers für sich.

Der Wirt Franz Xaver Kugler soll erstmals "Radler" ausgeschenkt haben, als sein Lokal vor den Toren Münchens an einem Sommertag im Jahr 1922 von 13 000 Ausflüglern besucht wurde, die zumeist mit Fahrrädern gekommen waren. Als angesichts des Ansturms das Bier auszugehen drohte, goss er Limonade dazu und verkaufte es als neue Mischung namens Radlermaß. Sie solle dafür sorgen, dass die Radfahrer nicht schwankend den Heimweg antreten müssen.

Andere Quellen behaupten, das "Radler" sei bereits Ende des 19. Jahrhunderts von einem sozialdemokratischen Fahrradclub erfunden worden. Politisch bleibt's, wenn die Mischung aus Weißbier und Zitronenlimonade unter dem Namen "Russ" beziehungsweise "Russ'n-Maß" auftaucht. Dieser Mix soll im Revolutionsjahr 1918 im Münchner Mathäser-Weißbierkeller aufgetischt worden sein, wo sich die kommunistischen Anhänger der Münchner Räterepublik, Russen genannt, trafen. Ein Grund für das Ausschenken der Biermischung könnte gewesen sein, dass die politischen Hitzköpfe durch weniger Alkohol im Bier möglichst einen kühlen Kopf bewahren sollten.

Bei so vielen Theorien schwirrt einem der Kopf. Zurück von der Recherche könnte man sich in Mannheim da wohl einfach ein Radler einschenken. Getreu dem alten Motto: "Bayern und Pfalz, Gott erhalt's." Na denn: Prost!

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