Kommentar

Empathie schlägt Technik

Julia Wadle über die Software zur Dialekterkennung

 

Warten ist das Schlimmste. Auch für die hundertausenden Asylsuchenden, über deren Anträge das Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge (BAMF) noch nicht entschieden hat. Der Wunsch, schnell Klarheit zu schaffen, ist verständlich. Dafür konzipiert das BAMF eine Software, die Flüchtlinge nach ihrer Sprache Herkunftsregionen zuordnen soll. Doch auch wenn die Entwicklung noch am Anfang steht, könnte sie ein Marker auf dem Weg zur Verantwortungsübertragung vom Menschen zur Maschine sein.

Zwar entscheidet das BAMF nicht allein auf Grundlage der computergestützten Sprachanalyse. Doch gerade in den Fällen mit ohnehin dünner Beweislage könnte eine Dialektsoftware Entscheider zu vorschnellen Schlüssen verleiten. Die Daten, die ja auf wissenschaftlicher Analyse beruhen, wären möglicherweise der einzige messbare Beweis für die Herkunft eines Menschen im Gewirr der Aussagen und Einschätzungen. Die scheinbare Klarheit und Neutralität könnte zu einer unterbewussten Aufwertung dieser Ergebnisse führen. Doch was der Analyse fehlt, und beim derzeitigen Stand der Entwicklung noch länger fehlen wird, ist eine emotionale Intelligenz.

Diese kann nur ein menschlicher Entscheider leisten. Damit ist nicht Mitleid gemeint, schließlich bewerten die Analysten anonyme Datensätze. Sondern Verständnis für die emotionale Aufgewühltheit des Gegenübers. Es ist schließlich fraglich, ob in der angespannten Situation des Gesprächs eine authentische Aufnahme möglich ist. Die Anpassung an das mutmaßlich nicht-muttersprachliche Gegenüber könnte beispielsweise bei der Aussprache das Ergebnis verfälschen. Ein erfahrener Sprachwissenschaftler wird das verstehen und berücksichtigen - eine Software wohl nicht.

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