Kommentar

Vielfalt statt Einfalt

Alexander Jungert zum Bundesparteitag der AfD an diesem Wochenende in Köln

 

Über das Wochenende versetzt eine Partei, sie heißt Alternative für Deutschland, eine ganze Stadt in Aufregung. 50 000 Menschen werden in Köln erwartet, die gegen den Bundesparteitag der AfD demonstrieren. Die Polizei warnt vor Ausschreitungen. Eine Stadt wird lahmgelegt: Straßen sind gesperrt, eine Flugverbotszone ist eingerichtet. Unfassbar, was sich da zusammenbraut.

Selbst das Tagungshotel Maritim distanziert sich nun von der AfD. Reguläre Gäste werden dort nicht übernachten - das Hotel hat sie angeschrieben: "Es könnte kein angenehmer Aufenthalt werden."Und die lokale Brauerei Früh hat per einstweiliger Verfügung dafür gesorgt, dass ihr Logo nicht mehr auf Wahlplakaten zu sehen sein darf. Parteichefin Frauke Petry will die AfD in die Mitte der Gesellschaft führen. Doch die Partei, das zeigt der Aufruhr vor dem Parteitag, ist davon so weit entfernt wie die Erde vom Mars.

Es sieht keineswegs danach aus, als ob sich das in absehbarer Zeit ändern würde. Schließlich ist die Partei nicht mit Sachfragen und Sachlösungen aufgefallen. Dafür mit teils rassistischen Provokationen, mit Hetze gegen Fremde, mit erbitterten Machtkämpfen und mit Alleingängen exzentrischer Charaktere. Frauke Petry gibt sich unbeirrt bürgerlich. Die AfD-Chefin verzichtet zwar auf eine Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl. Kampflos aufgeben wird Petry deswegen aber nicht. Noch ist sie Parteichefin, noch wird sie kämpfen für ihre "Realpolitik", in Köln. Wie unglaubwürdig die 41-Jährige ist, spüren offensichtlich viele Menschen. Kurzer Rückblick: Petry war es, die den Begriff "völkisch" positiver besetzen wollte. Sie war es auch, die mit der fremdenfeindlichen Pegida-Bewegung sympathisierte, als sie in Sachsen Mitglieder zu einem Gespräch eingeladen hatte. Das soll die bürgerliche Mitte sein?

Die Kölner fühlen sich provoziert. Künstler, Karnevalisten, Kirchenanhänger, Frauengruppen - zahlreiche Proteste und Sternmärsche sind angekündigt, von frühmorgens bis spät in den Abend. Unter dem Motto "Mir all sin Kölle" soll ein Zeichen für Vielfalt in der Gesellschaft gesetzt werden.

Schon kurz nach dem Verzicht Petrys auf die Spitzenkandidatur hat sich wieder gezeigt, wie uneins die AfD ist. Darin, ob die Delegierten am Wochenende andere Spitzenkandidaten wie Petrys Gegenspieler Alexander Gauland wählen - oder es lieber ganz bleibenlassen. Oder darin, ob Petry eine führende Rolle bei einer möglichen Fraktion im neuen Bundestag spielen sollte. Von der Grundsatzfrage, ob die AfD radikaler nach rechts oder mehr in die Mitte rücken soll, ganz abgesehen. Solange die Partei mit sich selbst beschäftigt ist - das wird sie offensichtlich auch nach dem Wochenende sein -, dürfen sich die etablierten Parteien freuen. Schon jetzt, das zeigen verschiedene Umfragen, ist die Alternative für Deutschland für viele Menschen keine Alternative mehr.

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