Kultur

Lesung Haberlandt/Thomas inszenieren Irmgard-Keun-Text

Brüchige Existenz

Doris scheitert, die Hoffnung bleibt. Das muss sie. Denn selbst wenn in der Alten Feuerwache Mannheim bei Fritzi Haberlandt nichts ist wie sonst im Theater und in ihren Händen Irmgard Keuns "Kunstseidenes Mädchen" zur träumerischen Ikone einer naiven Lebefrau wird, verlangt ihr Streben doch den Sinn des fast Erreichbaren. Denn zwischen ihrem geliebten Hubert und "all diesen prachtvollen Hermelinen", der gehäkelten Haube über der Kaffeekanne und "Laternen streicheln" bleibt dieser Abend weit mehr als "ein Tropfen im Meer".

Zwischen Lesung, theatraler Performance und von Jens Thomas am Flügel mit meditativen Texturen unterlegter Klanginspiration schwirrt Keuns Roman hin und her und braucht sich doch nicht festzulegen, um einem Leben mit tiefer Emphase zur Hommage zu werden. Denn Doris mag körperlich und materiell verhärmt daherkommen, doch Geist und Gefühl, hat sie reichlich zu spenden. "Ein Glanz" möchte die junge Dame werden und meint damit nicht weniger als ein Star.

Kunstvoller Abend

Sie wünscht es so sehr, dass Tränen das Wasserglas säumen, wenn sie flieht, von Männern verschlissen wird und ihre Zukunft in Asche zu liegen scheint. Eine brüchige Existenz unter dem Mikroskop - und wir dürfen zusehen. Dass Haberlandt diese zarte, 18-jährige Seele in all ihrer Fragilität freilegt, ohne sie zu zerbrechen, ist große Kunst und die Qualität des Abends. Denn genau auf diese Weise wird Doris in diesen 80 Minuten zum Glanz, der von innen aus dem Stillen heraus leuchtet und "wie ein starkes Märchen" als zeitlose Phantasie verbleibt. mer