Tanz "Bacon" im Heidelberger Zwinger

Tanz Nanine Linning zeigt im Heidelberger Zwinger die gelungene Überarbeitung ihrer intimen Choreographie "Bacon"

Der Geist im Fleisch vom Fleische

Schon der Einlass verstört. Wer den Zwinger 1, also die Studiobühne des Heidelberger Theaters, betritt, blickt auf zwei Tänzerinnen, die mit akrobatischer Höchstleistung unter Körperspannung wie Rinderhälften von der Decke hängen. Blutrot, durchsetzt mit der Struktur von Muskelfasern, ist der von Jan Boiten und Juliane Noß passend dazu ausgeleuchtete Hintergrund. Gut eine Viertelstunde lässt Nanine Linning ihre Tänzerinnen dort hängen - und spielt treffsicher auf eines der berühmten "Schreiender Papst"-Gemälde des Briten Francis Bacon an, dem Heidelbergs Tanzchefin den einstündigen Abend gewidmet hat.

Dabei ist die Choreographie "Bacon", die sie bereits 2005 in Amsterdam (hernach preisgekrönt) auf die Bühne brachte und auch in Osnabrück in reduzierter Form wiederaufnahm, keine Nacherzählung des wilden Lebens des Malers, wie es etwa in Mannheim Dominique Dumais einst mit Frida Kahlo machte. Linning malt selbst. Mit Körpern. Mit Licht. Mit durchdringenden animalischen Lauten (Jacob ter Veldhuis). Und ihre (nun wieder auf sechs aufgestockten) Tänzerinnen und Tänzer liefern hervorragende Farben, Strukturen und Nuancen für Bacons Welten.

Es sind nicht ausschließlich dessen Bilder, sondern dessen hintergründige Sicht auf das Individuum, zerrissen zwischen Tier und Mensch, zwischen schreiendem Unrecht und Gefangenschaft im eigenen Unvermögen, im Kampf mit der Welt und sich selbst.

Den Takt gibt buchstäblich die Natur vor. Herzschläge, Raubtierbrüllen, Eselsschreie, menschliches Angstwimmern oder Luststöhnen wird elektronisch verquickt und zum bedrohlichen Klangteppich. Auf dem wird trefflich getanzt: Raubtierhaft nähern sich Sho Takayama, Luca Tomasoni und Thomas Walschot den Fleischeshälften. Lauernd, jede Faser ist angespannt, geräuschlos und in Zeitlupe lösen sich die Auflagepunkte ihrer Körper vom Boden, ohne - und das ist große choreographische und tänzerische Kunst - dabei in eine Katzenparodie à la "Cats" zu verfallen.

Werbung um das Weibchen

Ein aufgerissener Wolfskiefer wird zum Impuls für eine fulminante Tutti-Einlage, die vor Endorphin nur so sprüht. Überhaupt zeigt diese reduzierte wie konzentrierte Arbeit, die durch Verzicht auf die sonst bei Linning übliche große Ausstattung und die Studionähe zum Publikum geradezu intim wird, ihre choreographischen Tugenden besonders deutlich auf. Da ist die Originalität der Körpersprache, etwa wenn sie aus einem welpenhaften Balgen (Milang Lie Meeuw Lew und Thomas Walschot) ein Ringen werden und körperlich Unglaubliches leisten lässt: Froschsprünge auf einen flachen, angespannten Rücken des Tanzpartners. Zudem kommen Spannung erzeugende Ungewissheiten. Was wird aus dem handfesten Zweikampf von Thomas Walschot und Luca Tomasoni, wenn Marie Louise Hertog hinzukommt? Werbung um das Weibchen, mehr Aggressivität oder Schlichtung und Beruhigung? Überraschung ist Linnings Stärke. Wenn die beiden Männer der Kollegin zu Füßen sinken, sie an den Unterschenkeln fassen, erwartet man eine kraftvolle Hebung. Was aber folgt, ist ein langsames, passives männliches Begleiten der großen weiblichen Schritte.

Immer wieder lässt Linning, die ihr Sextett in fleischfarbenen Trikots mit skelettierenden Bändern zu Fleisch vom Fleische werden lässt, bei alldem Ringen und Kriechen synchrone Bewegungen, ja fast klassische Ausbrüche zu. Ganz so, als bahnten sich Ethik, Schönheit und Harmonie doch noch ihren Weg aus dem Viehischen. Dass damit auch die bei Bacon angelegten religiösen Aspekte von Erbsünde und Menschwerdung sichtbar werden, ist eine weitere Qualität dieser Produktion.

Im Wechsel von Anspannung und Entspannung zeigt Sho Takayama in einem zu Herze gehenden Solo den Kampf mit sich selbst, während Jacob ter Velhuis' Klangcollage fast auf Depeche-Mode-Niveau anschwillt. Trotz steigender Lautstärke und dramatischer Zuspitzung kann da Thomas Walschots und Demi-Carlin Aarts abschließendes Duett nicht recht Schritt halten. Unter Getöse ergeben sie sich dem biologischen Auftrag zum errungenen Beischlaf.

Dass sich der Geist nicht recht durchsetzen kann, wusste Francis Bacon und weiß wohl auch Nanine Linning, die mit ihrem Ensemble nun lächelnd im aufbrausenden Applaus badet. Auch wenn die Botschaft nicht überrascht, höchst verdient ist der Jubel allemal.

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