Kultur

Heidelberger Frühling Pierre-Laurent Aimard stemmt in der Stadthalle zwei Monumente der Klaviermusik / Er spielt Werke von Schubert und Beethoven

Ein Fugenbau wie in Marmor eingelassen

Anfang Juni wird man ihm in München den "Musiknobelpreis" überreichen. Fürstlich mit 250 000 Euro ausgestattet und benannt nach Ernst von Siemens, seinem Stifter. Denn mit Pierre-Laurent Aimard, erklärt das Preisverleihungskomitee, werde ein "Diener der Musik", ein "Pianist des Lichts" geehrt, was insbesondere den sonst oft etwas "dunklen" Stücken der modernen Komponisten sehr zugute komme.

Mit Messiaen, Boulez und Ligeti ist der inzwischen 59-jährige Franzose groß geworden. Doch seit Längerem betritt Aimard auch die Abteilung mit den Altertümern und bucht Reisen zu den Monumenten der Vergangenheit.

Beim Heidelberger Frühling in der Stadthalle sind sie von Beethoven und Schubert aufgerichtet worden. Ohne einen guten Kompass geht das nicht, Aimard spielt die Musik - das tut er häufig - nach der Partitur, nicht auswendig. Doch daraus ist kein Hinweis auf eine nur flüchtige Bekanntschaft mit den alten Heiligtümern abzuleiten.

Fokussierter Vortrag

Vielmehr wirkt der Pianist in Schuberts riesiger G-Dur-Sonate ungeheuer fokussiert. Nichts bleibt im Ungefähren, Schwammigen und Raunenden, obwohl Aimard im ersten Satz "À la recherche du temps perdu" ist, um mit Marcel Proust zu sprechen, und die Zeit bisweilen sogar still zu stehen scheint: Der erste Takt kommt mit nur zwei Akkorden aus. Der Pianist zeigt aber auch, trotz ausgesprochen biegsamer Phrasierungskunst, die Bruchlinien in jedem der vier Schubert-Sätze. Und die volksliedhafte Unbeschwertheit im Finale gibt sich bei ihm durchaus trügerisch. So wunderbar lakonisch auch der Schluss ist.

Anders als in Beethovens "Hammerklaviersonate", wo Aimard die Schlussakkorde halb im Stehen in die Tasten wuchtet. Es ist ein Triumph des Willens, aber keiner à la Leni Riefenstahl - es geht auch ohne Schweiß und Blut. Obwohl Aimard der Altersradikalität von Beethoven kaum etwas schuldig bleibt und sich im Glaubensstreit um die korrekten Tempi (die satanisch schnell sein sollen, wenn man auf die originalen Metronomangaben baut) nicht bei den Bremsern einsortiert.

Er schafft es allerdings, der spröden, harten, undankbaren Virtuosität der Schlussfuge ein schwaches Funkeln, wenn nicht sogar Glitzern oder Tänzeln abzuringen, ohne ihre visionären, jede Pianisten-Norm sprengenden Anwandlungen zu verleugnen.

Feinheiten ausgelotet

Bei Aimard wird dieser Fugenbau in Marmor eingelassen. Und nicht in Granit gehauen. Auch davor, im dritten Satz ("Appassionato e con molto sentimento"), hört der Pianist die vom schon tauben Beethoven imaginierten Klanggespinste bis in kapillare Ränder aus. Wie schon bei Schubert brummt er dabei leise mit.

Was soll "nach solchen Monumenten", wie Aimard die halb begeisterten, bei Beethoven auch halb erschlagenen Besucher in der Stadthalle rhetorisch fragt, noch folgen? Nicht mehr viel. Vielleicht etwas Modernes, mit der linken Hand nur sachte angedeutet. Und auf keinen Fall in Stein gemeißelt.