Kultur

Schauspiel "Bist du sicher, Martinus" in Heidelbergs Peterskirche

Stählerne Anklage einer starken Frau

"Bist du sicher, Martinus?", wird Katharina - mittlerweile verächtlich -fragen und damit meinen: Gibt es denn keinen Frieden zu Lebzeiten? Dass sie die Frage für sich selbst schon längst beantwortet hat und ihren Frieden vor allem fernab ihres Mannes, diesem elenden Martin Luther, genießt, zieht man hier längst nicht mehr in Zweifel. Denn wer in der Heidelberger Peterskirche Zeuge wird, mit welch archaischer Kraft Maria Magdalena Wardzinska ihre Katharina schreien und toben, moralisieren und weinen, philosophieren und verzweifeln lässt, ahnt: Das ist mehr als Theater.

Katharina sitzt zu Gericht

Diese 70 Minuten sind die stählerne Anklage einer gebrochenen Frau, die von Größe hätte sein können - wenn man sie nur gelassen hätte. Stattdessen saugt sie noch rasch um den Altar, jätet den Garten, bekocht die Scholaren und weiß dabei doch schon längst nicht mehr, was das noch soll, "all diese Mäuler zu stopfen." Die schwarzweiße, fußlange Robe hat Sarah Sauerborn ihr mit einem drachentränenartigen Dekolleté versehen, das zeigt: Neben all der Strenge und Intelligenz sitzt hier eine Frau zu Gericht, die in ihrer Begierde, als fleischlicher Mensch wahrgenommen zu werden, verlassen wurde. Die Koketterie mit den eigenen Brüsten, der Luther-Tanga -Pointen dieser Art treiben den Sarkasmus des ach so heiligen Martin auf die Spitze und zeigen doch, wie weit es mit dieser Existenz gekommen ist. Denn: Den Rosenkranz mag Katharina noch auf der Hand tragen, doch ihr Wort, das verhallt.

Kapuzinerbräu und Zigaretten bleiben ihr als Trost. Dabei liegen sie doch auf dem Boden, all die Ablassbriefe und falschen Zeichnungen, die verächtlichen Schriften und Nazi-Ikonen. Katharina muss nur noch folgen, Martins Lieder gegen Bauern, Juden und Türken anstimmen, in Nina Wurman eine kongeniale Mitspielerin am Kontrabass erwischen, die die Kraft des Abgesangs noch potenziert - und damit eben die Tragödie dieser Ehe ins rechte Licht setzen.

Das macht diesen Abend so gut: Dass er mit aller Macht freilegt, wie Luther über seinen Gleichnissen den Bezug zur eigenen Familie, ja, - in der Perspektive dieses Stücks - zur ganzen Welt verlor. Regisseurin Jessica Weisskirchen hat ihre Inszenierung nach einer "ungehaltenen Rede" von Christine Brückner damit zu weit mehr als einem Monolog aus feministischer Perspektive auf eine Überfigur gemacht. Denn wer den Luther-Spruch "Verstehen heißt: Durch die Finger sehen" ad absurdum führt, indem er uns direkt in die Augen blickt, hat viel riskiert - und dabei alles gewonnen.