Kultur

Geburtstag Edenkoben erinnert an Künstler rund um Lotte Reimers, die morgen 85 Jahre alt wird / Sie schenkt dem Land Rheinland-Pfalz einen Teil ihrer Sammlung

Vom Keramikgefäß zur freien Form

Schalen, Teller und Krüge auf umgedrehten Holzkisten, auf Tischen und in Vitrinen. Im Dezember 1956 haben Keramiken das Deutsche Bergbau-Museum in Bochum besetzt. Lotte Reimers und Jakob Wilhelm Hinder zeigen Arbeiten aus Ton überall dort, wo es geht: in Turnhallen, Schlössern und Museen.

So ungewöhnlich wie diese Wanderausstellung ist auch das Team, das dahinter steckt: Eine damals 24-Jährige aus Hamburg, die ihr Kunststudium in den Wind geschossen hat. Und ein 30 Jahre älterer "Wandergalerist" aus Hessen, der eigentlich Kaufmann ist, aber die Keramik liebt. Jahrzehntelang werden sie zusammenbleiben, Keramiken als Kunst zeigen und in Deidesheim ein Museum einrichten, das sie zur ersten Adresse der Sparte ausbauen.

Mehr als 60 Jahre ist diese Szene aus dem Bochumer Museum nun her. Lotte Reimers wird an diesem Sonntag 85 Jahre alt. Aber die Aufbruchstimmung und die Risikobereitschaft von damals sind noch immer beeindruckend.

Deidesheim als Kreativzentrum

Wenn das Landesmuseum Mainz in seiner Dependance auf Schloss Villa Ludwigshöhe in Edenkoben eine Ausstellung in der dortigen Max-Slevogt-Galerie eröffnet und die Mannheimer Ike und Berthold Roland-Stiftung ihren Ehrenpreis an Lotte Reimers vergibt, dann wird eine der bedeutendsten Keramikerinnen Deutschlands gewürdigt.

"Ars Phantastica" heißt die Schau, bei der Reimers zu ihrem Geburtstag nicht sich selbst, sondern das Land beschenkt: 79 Objekte, Malereien, Grafiken und Plastiken von regional und überregional bedeutenden Künstlern gehen damit in den Besitz des Landesmuseums über. Mit vielen hatte sie in den 70er und 80er Jahren Gruppenausstellungen in Deidesheim organisiert. Und immer wieder zusammengesessen: bei einem Stammtisch für Künstler, Schriftsteller und Galeristen. Darunter der Neustadter Bildhauer Gernot Rumpf, der Beuys-Schüler Hannsjörg Voth.

Teil der Runde war auch Ingrid Vetter, die die Abteilung Moderne Keramik des 20. Jahrhunderts des Landesmuseums leitet. "Ein Stück Zeitgeschichte" hat sie ihre Ausstellung überschrieben. Das trifft es genau, denn "Ars Phantastica" ist keine Stilrichtung gewesen und die Künstlergruppe nie ein fester Kreis.

Was sie allerdings einte, war ihr gesellschaftskritisches Denken: "Last des Amtes" hat Thomas Duttenhöfer seinen selbstzerstörerischen Papstkopf aus Eisen genannt, zu sehen sind auch eine Grafik des Mannheimers Walter Stallwitz oder surreale Szenen von Hermann Hoormann. Arbeiten von Lotte Reimers gibt es auch zu sehen, die mehrere tausend Stück zählende Sammlung im Gewölbekeller ist durch Bauarbeiten zurzeit nicht zugänglich.

Schade, denn an ihr ließe sich gut ablesen, wie kenntnisreich Hinder und Reimers gesammelt hatten. Immer auf der Suche nach Keramikern, die alte Techniken innovativ einsetzten. Auch die Werke von Lotte Reimers sind darunter, die wie rätselhafte Architekturen emporragen und über die sie selbstentwickelte Glasuren schüttet oder schleudert. Ihre Kunst hat daher etwas Sinnliches. Sie wirkt archaisch, eigentümlich, warm.