Kultur allgemein

Das Interview Popstar Adel Tawil über Diskriminierung, Schicksalsschläge und sein neues Album "So schön anders"

"Wir haben alle nur eine Heimat"

Adel Tawil sitzt im Büro seines Managements am Berliner Ku'damm, er ist etwas angeschlagen, aber auch in hohem Maße mitteilungsfreudig. In diesem Menschen hat sich einiges angestaut, und das muss nun raus. Die Scheidung von Ehefrau Jasmin, ein Unfall, der ihm fast das Leben gekostet hätte. Darüber spricht der Sänger, der neben Annette Humpe in Ich + Ich zum erfolgreichen Popstar wurde, im Gespräch mit dieser Zeitung, ebenso wie über sein neues Album "So schön anders".

Herr Tawil , Ihre Mutter ist Tunesierin, Ihr Vater Ägypter. Kannten Sie den Begriff "Nafri"?

Adel Tawil: Nein, den kannte ich nicht. Es ist erstaunlich, was Worte bewirken können. Für mich klingt "Nafri" sofort negativ und abstoßend.

Fühlen Sie sich durch eine solche Bezeichnung verunglimpft?

Tawil: Ja. Man wird sehr in einen Topf geworfen. Ich bin überrascht, wie schnell das ging. Plötzlich werde ich von vielen ganz anders gesehen, auch werde ich neuerdings viel häufiger auf meine Wurzeln angesprochen. Klar sehe ich anders aus und habe vielleicht andere Traditionen und einen anderen kulturellen Hintergrund, aber: Ich fühle mich als Berliner. Ich habe mich auch immer als Berliner gefühlt.

Sie haben Ihr Lied "Gott steh mir bei", das nun auch auf "So schön anders" enthalten ist, direkt nach dem Lkw-Anschlag in Berlin im Dezember ins Netz gestellt. Mit welchem Hintergedanken?

Tawil: Der Anschlag hat mich schockiert. Dass es ein Tunesier war, hat mich ebenfalls erschüttert. Mein Statement ist letztlich, dass man die Sache mit der Religion nicht so hoch hängen sollte. Ich singe ja "Ich hab' die Bibel nicht gelesen/ Hab' den Koran nicht dabei". Meine Ansicht ist: Religion ist Privatsache, jeder soll glauben, was er will.

Wie war das bei Ihnen zuhause?

Tawil: Religion war nie wichtig. Sie war nur ein kleiner Teil unserer Erziehung. Gewisse traditionelle Werte wurden uns zwar mitgegeben, aber immer in einem liberalen Zusammenhang. Werte wie: Du sollst gut sein. Du sollst niemanden verletzen. Und jetzt habe ich das Gefühl, ich stehe irgendwo zwischen den Stühlen. Die einen behaupten, ich sei böse, weil ich so aussehe, wie ich aussehe. Den anderen bin ich nicht Moslem genug. Ich sage: Entspannt euch. Es gibt Wichtigeres im Leben.

"Eine Welt eine Heimat" ist nicht nur die schnellste Nummer des Albums, sondern auch ein Duett mit den Pop-Legenden Youssou N'Dour aus dem Senegal und Mohamed Mounir aus Ägypten.

Tawil: Das ist für mich die Hymne schlechthin. Wir singen in fünf Sprachen, dass wir alle eine gemeinsame Heimat haben, nämlich diese, die einzige Welt. Die Message kommt natürlich deutlicher rüber, wenn ich das mit zwei lebenden Legenden der afrikanischen Musik mache. Ich freue mich wahnsinnig, dass das geklappt hat.

Ist Annette Humpe an der Produktion des Albums beteiligt?

Tawil: Nein, Annette ist nicht dabei. Ich habe das ganze Album mit Andreas Herbig aufgenommen, das war eine ganz neue Erfahrung. Mit Annette ging es immer um den Kompromiss zwischen uns beiden, Andreas und ich jedoch waren zwei echte Gegenpole. Wir waren längst nicht immer einer Meinung und haben uns die Platte, auf die ich sehr stolz bin, wirklich hart erarbeiten müssen.

Insgesamt klingt "So schön anders", als würden Sie die Hörer einmal durch Ihren kompletten Gefühlshaushalt schleusen.

Tawil: Ja, das sind die vergangenen drei, vier Jahre im Schnelldurchlauf. Sowohl die Trennung als auch der Unfall sind zwei einschneidende Ereignisse gewesen, bei denen man sich fragt, was wichtig ist im Leben und was am Ende bleibt. Ich habe auf diesem Album wirklich versucht, einen Einblick in meine private Gefühlswelt zu geben.

Hat Ihnen das selbst bei der Verarbeitung geholfen?

Tawil: Ja. Es gibt ihn tatsächlich, den therapeutischen Zweck der eigenen Musik. Das erste Lied, dass ich nach der Trennung schrieb, war "Mein Leben ohne mich". Heute mit mehr Abstand merke ich, wie wütend ich damals war, wie intensiv sich diese Zeit angefühlt hat.

Sie steckten mitten in den Aufnahmen zu "So schön anders", als Sie in Ägypten kopfüber in einen Pool gesprungen und fast gestorben sind. Was genau ist passiert?

Tawil: Es war der 19. Juni 2016, wir waren in unserem Häuschen in Ägypten, mein Vater war auch dabei. Mir war heiß, ich sprang ins Wasser, irgendwie so seitlich doof, dachte erst "Oh, tut weh", eine Platzwunde am Kopf hatte ich auch, aber es war nicht richtig schlimm. Ich bin auch noch ins Meer gesprungen kurz danach. Später bin ich dann doch ins Krankenhaus gegangen, aber mehr wegen der Wunde, dort haben sie Bilder gemacht und gesehen, dass der erste Halswirbel vier Mal gebrochen ist. "Sie haben Riesenglück gehabt", sagten die Ärzte.

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