Leserbrief

Leserbriefschreiber vor sich selbst schützen

Zum Leserbrief "Indiskutables Verhalten" vom 9. März:

Ein Pinguin verschwindet aus dem Luisenpark. Das ist traurig. Mit ihm sind bei einigen Menschen die nüchterne Überlegung und bei mindestens einem auch der Anstand verschwunden. Das ist genauso traurig. Die Spekulationen blühen sofort nach dem Verschwinden: "Wie kann man einem Tier nur sowas antun?" Wer? Was? Niemand weiß irgendetwas. Egal. Spekulation, Emotion, Empörung.

Polizei, Staatsanwaltschaft, Parkleitung, "Mannheimer Morgen" und Weltpresse überschlagen sich. Das ist alles völlig normal, das zu kritisieren wäre überheblich. Journalisten müssen den Pinguinfall selbstverständlich am Kochen halten, so ist halt manchmal ihr Beruf. Vermutlich deshalb kommt auch keiner von ihnen auf die Idee, den Naturschutzbeauftragten zu fragen, den der "Mannheimer Morgen" sonst zu jedem Frosch interviewt, der sich ins Sommerloch verirrt.

Absurder Vorwurf

Denn Herr Dr. Rietschel ist einer, der die Dinge wissenschaftlich und nüchtern sieht. Eine abwägende Einschätzung von ihm wäre im Pinguinfall journalistisch eher kontraproduktiv gewesen. Also erinnert man sich erst an ihn, als der Hype schon am Abklingen ist und veröffentlicht ein Interview zehn Tage nach dem Verschwinden des Pinguin.

In einem Leserbrief wird Herrn Dr. Rietschel jetzt der vollkommen absurde Vorwurf gemacht, dass er sich nicht früher zur Sache geäußert habe. Aber wer wann im "Mannheimer Morgen" zu Wort kommt, bestimmt nicht Herr Dr. Rietschel, das bestimmt der "Mannheimer Morgen".

Und das ist es, was mich in diesem Fall mehr bedrückt als die Bösartigkeit des Leserbriefs: Auch Leserbriefe unterliegen der Redaktion. Wer veröffentlicht denn einen Brief, der die persönliche Herabwürdigung eines Menschen zum Ziel und ansonsten keine sinnvolle Aussage hat? Das ist für den "Mannheimer Morgen", den ich als eine der wenigen verbliebenen journalistisch ernstzunehmenden Regionalzeitungen durchaus schätze, ein bedenklicher Ausrutscher.

Ihr habt Verantwortung, nur weil Ihr die habt und hoffentlich wahrnehmt, kaufen wir Eure Zeitung. Manchmal habt Ihr sogar die Verantwortung, einen Leserbriefschreiber vor sich selbst zu schützen. Und die Betroffenen und uns vor solchen Leserbriefen. (Albert Treber, Mannheim)