Leserbrief

Naidoo-Text zielt ganz präzise auf Volksvertreter

Zum Artikel "Musikalisch auf Schmusekurs" vom 3. Mai:

Der Text von "Marionetten" ist im Internet problemlos zu finden. Im Gegensatz zu früheren Texten Naidoos ist es dieses Mal aber schwieriger, mit der Kritik anzusetzen. Denn die allermeisten Liedzeilen könnten auch als pubertär-unreflektierte Aussagen in den Texten von Schülerrockbands zu finden sein. Einen Unterschied zu diesen gibt es gleichwohl: Werden dort Politiker, Wirtschaftsvertreter, "Reiche" und so weiter pauschal angegriffen, zielt Naidoo hier ganz präzise auf Volksvertreter - der Kontext legt nahe, dass er die aus dem Bundestag meint.

Schon früher disqualifiziert

Und das klingt so: Volks-in-die-Fresse-Treter werden diese Abgeordneten genannt. "Weil ihr die Tatsachen schon wieder verdreht" spielt mit dem Stammtisch-Vorwurf, Parlamentarier würde quasi permanent lügen. "Und weil ihr euch an Unschuldigen vergeht" verknüpft zweierlei:

1. Alle Nicht-Volksvertreter sind auch nicht verantwortlich für das, was in unserem Land geschieht (die nur benutzte - verführte - breite Masse war ein Standardargument der Ent-Schuldigung nach dem Nationalsozialismus).

2. Das Verb vergehen rückt das Tun unserer Volksvertreter in die Nähe von Sexualdelikten. Ich erlaube mir, solche halben, weil ja nie ganz klar ausgesprochenen Vergleiche widerlich zu finden. Aber Xavier Naidoo hat sich schon früher disqualifiziert. Im Lied "Wo Sind Sie Jetzt" von 2012 fragte er: Wo sind unsere (...) starken Männer? Wo sind unsere Führer? Wer schon auf einer Reichsbürger-Veranstaltung aufgetreten ist, kann sich nicht damit herausreden, er habe Führer ganz unpolitisch wie in "Fahrzeugführer" oder "Reiseführer" gebraucht. Und in "Raus aus dem Reichstag" (2014) ist von "Baron Totschild" die Rede; der "Schmock ist'n Fuchs" heißt es dort.

Vertreter internationaler Firmengeflechte ausgerechnet mit einem Reim auf den jüdischen Namen Rothschild anzuprangern, trägt schon antisemitische Züge, schließlich hätte es nichtjüdische Beispiele, die sogar geläufiger sind, ausreichend gegeben. Diesen Baron Totschild als Schmock zu bezeichnen (jiddisch für einen unangenehmen Menschen aus höherer sozialer Schicht, sagt Wikipedia) untermauert diesen Antisemitismus - nein, das ist dann kein Fehler mehr, der einem gerade so mal passieren kann. Noch schlimmer: Die Assoziationskette "Jude/reich/unangenehmer Typ/raffinierter Kerl (Fuchs)/tot" - welche Gefühle will sie denn wecken? Viele Alternativen bieten sich da wohl nicht.

Strittige Texte

Man mag Xavier Naidoos Musik schön finden (und die der Söhne sowieso). Seine Texte aber bedienen Strömungen in unserer Gegenwart, die man bekämpfen muss. Dass die strittigen Texte auf den Setlists der großen Konzerte nicht auftauchen, worauf Jörg-Peter Klotz extra hinweist, ist keine Ausrede: Wer Naidoo hört, hört immer auch das, was dieser abseits der großen Auftritte von sich gibt.