Leserbrief

Soziale Verständigung üben

Zum Artikel "Zuschuss aus Stuttgart zur Fahrradautobahn?" vom 1. März:

Radfahren ist seit 200 Jahren raumsparend, emissionslos und gesund. Daher ist der Ausbau von Radwegen immer zu begrüßen, auch wenn "Fahrradautobahnen" - dem "Mannheimer Morgen" sei dieser Begriff verziehen - über die dringenden Bedürfnisse weit hinausschießen. Vielleicht gibt das Land ja auch Fördermittel frei für kleinere, aber wichtigere Verbesserungen, zum Beispiel bevorzugende Ampelschaltungen oder bessere Abstellmöglichkeiten (vor allem am Bahnhof), wie die SPD sie fordert?

Große Versuchung

Für Radfahrer ist es beispielsweise an vielen Stellen unmöglich, den Friedrichsring zu überqueren, ohne einen Kategorienwechsel zum Fußgänger vorzunehmen. Besonders ärgerlich aber ist die Einbahnstraßenregelung in den Quadraten: Um in der Fressgasse ein 20 Meter entferntes in der falschen Richtung liegendes Ziel zu erreichen, fährt man 100 Meter Umweg, oder man schiebt und widersteht der Versuchung, gegen Verkehrsregeln zu verstoßen. Die Versuchung ist groß: Mittlerweile ist man ja vielerorts auf Kampfradler gefasst, die in der falschen Richtung auf überfüllten Gehwegen durch Passanten pflügen wie Downhillfahrer durch den Wald.

Was spricht eigentlich in den Quadraten gegen die Freigabe der Einbahnstraßenregelung für Räder wie sie sich im Lindenhof und in der Schwetzinger Vorstadt bewährt hat? Wenn der Fluss des motorisierten Verkehrs behindert wird, so diente das doch auch der Verkehrsberuhigung. Wenn es eng wird, würde die Bereitschaft zu sozialer Verständigung geübt. Vor allem aber: Ganz viele Verstöße gegen die Verkehrsregeln wären im Nu beseitigt, der Ärger über widersinnige Regelungen aufgehoben, der Respekt für Regeln weniger beschädigt und die Eingewöhnung in Regelverletzungen in diesen Situationen beendigt, ohne dass die überlastete Polizei mit Abmahnung oder Strafe gefordert wäre.

Unzufriedenheit verstärkt

Zu guter Letzt sei der Oberbürgermeister daran erinnert, dass der Populismus und die von ihm in seiner Grundsatzrede zu Recht beklagte Aggression gegen Institutionen ("MM" vom 18.2.17) nicht nur Ergebnis von verantwortungsloser Propaganda ist. Der respektlose Populismus gedeiht nur, wenn er bei den Benachteiligten Resonanz findet. Er kann Unzufriedenheit nur verstärken, wenn sie da ist. Trotz aller formaldemokratischen Verfahren findet er den besten Nährboden in nicht nachvollzogener bürokratischer Fremdbestimmung und in der Nichtdurchsetzung gültiger Regeln.