Ludwigshafen

Porträt Viele Jahre litt Sirikit Schorer unter Analphabetismus / Mittlerweile hilft die 56-Jährige anderen Betroffenen

"Ich dachte, ich sei die einzige"

Ludwigshafen.Wenn Sirikit Schorer über ihre Vergangenheit spricht, dann klingt das so, als gehe es gerade um das Wetter draußen. Unbeschwert, ruhig, irgendwie normal eben. Dass sie aber überhaupt von damals redet, ist alles andere als selbstverständlich. Vielmehr ist es Ausdruck einer Verwandlung, die die 56-jährige Frau in den vergangenen Jahren durchgemacht hat. Von gesteigertem Selbstwertgefühl und mehr Selbstvertrauen. Ja, von einem ganz neuen Lebensgefühl.

Sirikit Schorer ist Analphabetin. Oder besser: war es. Bis vor wenigen Jahren konnte die Ludwigshafenerin weder lesen noch schreiben. Ein Umstand, der sie ihr Leben lang schwer belastete. "Ich habe mich gefühlt wie ein Mensch dritter Klasse", sagt sie heute rückblickend. Freunde hatte sie kaum, das Haus verließ sie nur selten, Abschottung schien ihr die einzige Möglichkeit, mit dem Makel umzugehen.

Nie gefördert worden

Als Kind besuchte Schorer ganz normal die erste Klasse einer Grundschule. Da die Mutter aber krank war und der Vater in Schicht arbeitete, häuften sich schnell Fehlzeiten an. Es folgte die Versetzung auf die Sonderschule. "Ich bin niemals richtig gefördert worden", sagt die 56-Jährige. "Meine Eltern konnten mir und meinen Geschwistern nicht helfen."

Schon damals sei ihr bewusst gewesen, dass eigentlich alles hätte anders laufen sollen. "Man hat sich immer gewünscht, dass man Unterstützung bekommt", erinnert sich Schorer. Doch bei den schwierigen Verhältnissen zuhause sei das untergegangen. Mit 16 Jahren lernte sie ihren Ehemann kennen, bekam bald ein Kind. "Von da an hatte ich mich um eine Familie zu kümmern", berichtet sie. Dass sie weder lesen noch schreiben konnte, hielt sie vor ihrem Mann, der als Lkw-Fahrer viel unterwegs war, geheim.

Glücklich war Sirikit Schorer damit aber nicht. "Man kann sich kaum vorstellen, wie sehr der Alltag eingeschränkt wird", sagt sie. "Immer muss man etwas lesen oder Formulare ausfüllen." Im Kino, beim Arzt, überall. Mit der Zeit entwickelte die Oggersheimerin eine schwere Depression, Suizidgedanken quälten sie. Sich Hilfe zu suchen, kam für sie zunächst nicht infrage. "Die Angst und die Scham waren zu groß. Ich habe gedacht, ich sei die einzige, der es so geht", sagt sie.

Dass sie nicht alleine ist, merkte sie vor rund viereinhalb Jahren. An einem Punkt, an dem es nicht mehr weiter ging, vertraute sie sich einer Mitarbeiterin der Selbsthilfegruppe Analphabeten Mannheim-Ludwigshafen (SALuMa) an. "Da habe ich erst gesehen, wie viele das sind", sagt sie. Denn wie Schorer geht es deutschlandweit rund 2,3 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren, die nicht lesen und schreiben können. Funktionale Analphabeten, die zwar einzelne Wörter lesen können, beim Verstehen längerer Texte aber Probleme haben, gibt es sogar 7,5 Millionen in der Bundesrepublik.

Sirikit Schorer hat ihre zweite Chance genutzt. In den vergangenen Jahren besuchte sie Alphabetisierungskurse, lernte lesen und schreiben. "Natürlich mache ich noch Fehler, aber es ist viel besser geworden", sagt die 56-Jährige, die ihren Platz in der Selbsthilfegruppe gefunden hat. Mittlerweile gehört sie dem Vorstand des 2014 gegründeten Vereins Saluma e. V. an, organisiert Aktionen, besucht Messen und hilft anderen Betroffenen. "Umso mehr Öffentlichkeit das Thema bekommt, desto besser", sagt Schorer. Denn auch wenn sich zuletzt schon viel verbessert habe, trauten sich immer noch zu wenige Analphabeten, sich helfen zu lassen. "Viele haben Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren oder ähnliches", weiß Schorer.

Mit der Selbsthilfegruppe hat Schorer in Zukunft noch viel vor. "Wir brauchen dringend einen Raum in Ludwigshafen, wo wir den Erstkontakt mit den Betroffenen herstellen können", fordert sie. Außerdem strebt sie die Gründung eines Dachverbandes für alle elf Selbsthilfegruppen Deutschlands an, um die Arbeit besser koordinieren zu können. "Denn jeder Analphabet, dem dadurch geholfen werden kann, ist es Wert", sagt Schorer. Wer sollte es besser wissen als sie?