Seit 55 Jahren das selbe Fahrrad

Hobby Heidi Baasch hat noch ihr allererstes Fahrrad / "Mary", so hat sie es getauft, ist auch mit 55 Jahren noch gut in Schuss

Eine bewegende Beziehung mit "Mary"

Mannheim.Es war gar nicht so einfach, einen Termin mit Heidi Baasch auszumachen. "Sie wissen doch, Rentner haben nie Zeit", sagt die Neckarauerin am Telefon und lacht. Schließlich gelingt es doch. Und so lernt die Autorin nicht nur ein äußerst aktives und sympathisches Ehepaar kennen, sondern bekommt auch "Mary" gezeigt, das rote, 55 Jahre alte Fahrrad von Heidi Baasch.

"Mary" ist der eigentliche Grund für den Besuch, hatte Heidi Baasch doch auf den "MM"-Aufruf für die Wochenendausgabe, die ganz dem Thema Fahrrad gewidmet war, ein Bild von ihrem ersten Fahrrad geschickt. Und das hat neugierig gemacht. Schließlich kommt es ja nicht alle Tage vor, dass ein Fahrrad einen Namen bekommt und nach so vielen Jahren noch so toll in Schuss ist, wie es das Zweirad der Neckarauerin ist. Und das hat einen Grund.

Doch von Anfang an: Als Schülerin bekommt Heidi Baasch von ihren Eltern das damals noch grüne NSU-Fahrrad geschenkt. "Das war ein richtig gutes Rad. Wir haben alles mit dem Fahrrad gemacht. Ich bin mit dem Rad nicht nur zur Schule und später zur Arbeit gefahren, sondern bin auch oft damit zum Strandbad unterwegs gewesen. Irgendwann habe ich das Fahrrad dann "Mary" genannt."

Mit 21 Jahren, im Oktober 1971, verbringt die Neckarauerin ihren Urlaub in Kiel. Dort lernt sie einen jungen Mann namens Siegfried kennen. Drei Monate lang setzt sich Siegfried Baasch daraufhin freitags in den Zug nach Mannheim, um die Wochenenden mit seiner Heidi zu verbringen. Am ersten Weihnachtsfeiertag 1971 kauft der gelernte Schreiner schließlich nur eine einfache Fahrkarte. "Das war ein spontaner Entschluss. Ich habe ein paar Klamotten gepackt und bin mit 100 Mark in der Tasche in Mannheim angekommen", so Baasch.

Und er ist geblieben. Ein Jahr später heiraten die beiden und ziehen in ihre gemeinsame Wohnung nach Neckarau. "Mary" bekommt ihren Platz im dortigen Keller. Mittlerweile haben das NSU-Rad andere Fahrräder abgelöst. Heidi und Siegfried Baasch unternehmen und erledigen fast alles mit den Rädern, beide sind sehr sportlich. "Das Auto brauchen wir eigentlich nur einmal die Woche, wenn wir ins Thermalbad nach Bad Schönborn fahren", so Heidi Baasch.

Für ein paar Jahre gerät "Mary" in Vergessenheit. Doch dann entdeckt Siegfried Baasch das gute Stück wieder. Den Keller nutzt er mittlerweile teilweise als Werkstatt, auf rund zwei Quadratmetern hat er sich ein Schrauberrefugium geschaffen, repariert und schraubt dort nicht nur die eigenen Fahrräder, sondern auch die von Verwandten und Bekannten. Er verspricht seiner Frau: "Das mache ich dir wieder zurecht." Es soll das Winterfahrrad für Heidi Baasch werden, auch wegen der breiten Reifen.

"Eigentlich hat "Mary" nur neue Mäntel und Lampen bekommen. Ansonsten ist noch alles Original - auch die Kugellager und die Kette", so der passionierte Schrauber. Da der Stahlrahmen ziemlich vergammelt war und Rost angesetzt hatte, bearbeitete Siegfried Baasch ihn mit Stahlbürste und Schleifpapier. Jetzt musste wieder Farbe her. "Und da rot die Lieblingsfarbe meiner Frau ist, habe ich es kurz entschlossen rot angesprüht", erzählt der 69-Jährige.

Seine ahnungslose Frau musste allerdings erstmal schlucken, als sie das frisch lackierte Rad gesehen hat. "An dieses Feuerwehrrot musste ich mich erstmal gewöhnen." Aber "Mary" hat durch die gute Pflege Heidi Baasch weitere 40 Winter als Fortbewegungsmittel gedient. "Dieser Winter war aber ihr letzter. Für die vordere Stempelbremse gibt es leider keine Ersatzteile mehr - und nur mit Rücktrittbremse zu fahren, ist mir zu gefährlich", bedauert Heidi Baasch.

Über die Alpen

Aber beim Radfahren bleiben die beiden. Vor allem für Siegfried Baasch ist ein Leben ohne undenkbar. Mit 60 Jahren kauft er sich sein erstes Rennrad, unternimmt ersten Touren in den Odenwald und in die Pfalz. Nach nur sechs Monaten ist er bereits so infiziert, dass er sich zu seiner ersten Alpentour in Frankreich anmeldet, schafft über 1 000 Kilometer, überwindet 22 000 Höhenmeter. Kommendes Jahr feiert er nicht nur seinen 70. Geburtstag, sondern freut sich schon auf seine zehnte Alpenüberquerung. "Sport ist für mich Lebensqualität", sagt der durchtrainierte Rentner. Und im Winter steht er dann wieder im Keller und schraubt. "Mary" bekommt dort einen Ehrenplatz.