Kardiologenkongress

Kardiologenkongress Historiker Timo Baumann stellt Buchprojekt "Die Deutsche Gesellschaft für Kreislaufforschung im Nationalsozialismus" vor

Forscher für militärische Zwecke eingespannt

Kardiologen kennen das Phänomen: Bei manch einem Herzleiden baut sich das Zellgewebe schleichend um, zeigt sich die Wucht der Veränderungen erst spät. In etwa so verhält es sich während des Nationalsozialismus mit der noch jungen "Deutschen Gesellschaft für Kreislaufforschung" bei der Auswahl von medizinischen Schwerpunktthemen und personellen Umorganisationen. Dieser Ära widmete der Kardiologenkongress- Er läuft noch bis Samstag im Rosengarten - ein Symposium, bei dem der promovierte Historiker Timo Baumann sein Buchprojekt vorstellte.

Keine Zeitzeugen mehr

2013 hat der seinerzeitige Präsident der Fachgesellschaft Georg Ertl - er war in den 1990er Jahren im Mannheimer Uni-Klinikum Kardiologiechef - die späten, aber nicht zu späten Forschungen initiiert. Der beauftragte Düsseldorfer Historiker Baumann sah Protokolle ein, besuchte Archive, auch in Jerusalem, durchforstete Nachlässe - Zeitzeugen standen nicht mehr zur Verfügung. Im Rosengarten erläuterte er, welche "Schlüsselfragen" ihn bewegten: Wie ging die Fachgesellschaft mit jüdischen Kollegen und Amtsträgern um? Hat es individuelle Schuld einzelner Mitglieder gegeben? In welchem Maße blieb Ethik auf der Strecke, als sich die anfänglich sehr offene Herz-Kreislauf-Forschung zunehmend auf Medizinschwerpunkte von militärischem Interesse reduzierte. Beispielsweise hat die Fachgesellschaft das politisch genutzte Thema "Volksgesundheit" bereits 1934 in die Satzung aufgenommen, griff sie in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre für die Wehrmacht wichtige Fragen der Flugmedizin auf. Menschenversuche, die im KZ-Dachau in Druck- und Kältekammern vorgenommen wurden, so fand Timo Baumann heraus, haben einzelne Ärzte betrieben, die zwar Mitglied waren, die aber nicht im Auftrag ihrer Vereinigung handelten.

"Zunächst zögerlich" haben sich die rund 200 organisierten Kreislauf-Spezialisten dem NS-Regime angepasst, berichtete der Historiker. "Echte rassistische Ausfälle" im Sinne der neuen Ideologie habe er bei seinen Recherchen nicht entdeckt - aber auch keinen Widerstand. Als auf politischen Druck hin der Vorstand "arisiert" wurde, wie es damals hieß, sei dies "hingenommen worden". Allerdings habe es bis 1938 keine Bestrebungen gegeben, jüdische Kollegen generell als Mitglieder auszuschließen.

Lehren für die Medizinethik

Stellvertretend für einzelne Biografien schilderte Baumann das Schicksal von Bruno Zacharias Kisch, der vor 90 Jahren die Fachgesellschaft mit gegründet hat: Der Sohn eines Rabbiners und Cousin des legendären Journalisten Egon Erwin Kisch wurde 1933 nicht nur aus seiner Geschäftsführerposition gedrängt - der auf Herzrhythmusstörungen spezialisierte Mediziner musste ein Jahr später die Universität verlassen. 1937 gelang ihm, in die USA auszuwandern.

Bei dem Symposium mahnte Josef Schuster in seiner Doppelfunktion als Arzt und Präsident des Zentralrates der Juden an, aus der selbstkritischen Aufarbeitung konkrete Lehren zu ziehen: auch und gerade für aktuellen Fragen der Medizinethik - beispielsweise im Bereich Gentechnik.